Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 336 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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33& David Kolgen: Im Wirbel der Geschichte man vergesse nicht dabei die „Historien", wie sie sich parallel und durcheinander an der Peripherie des allgemeinen Geschehens abspielten, wie Nowgorod,, das Tatarenjoch usw., und man wird sich sagen müssen: das Werden des Russenvolkes und Reiches weist eine Mehrzahl von festumgrenzten „Geschichten" auf, ist historisch-politisch äußerst begabt. Da boten sich gerade die gewaltigen Ereignisse und Erschütterungen in Fülle, die selbst den schlummernden Russengeist zum Leben und Handeln erweckten. Allerdings, dieses Handeln mußte Schritt halten mit der grenzenlosen, allumfassenden Seelenrichtung des Innenmenschen. Von Verhängnis und Schicksalsmacht mußten die historischen Wendungen und Erschütterungen ebenso Kunde bringen, wie es die Innenkultur, die allgemeine Kultureinstellung im Bereiche des Einzellebens zu tun pflegt. Und wer an die unfaßbare Fatalität glaubt und ihr am Ende sein Leben und Denken anvertraut, der eignet sich sehr gut dazu, als Material für historische Taten und Ambitionen zu dienen. Die Fatalität ist ja das Herz der großen politischen Geschichtsbildung und in ihrem Werden wandeln sich die einzelnen Willen zu einem Massenwillen, der im Grunde einen Mythos, eine Geschichtsmythologie bedeutet. So gesellt sich der Seelenmythologie die Geschichtsmythologie, beide als Reaktion der individuell schwachen Sensibilität, des individuell schwachen Willens auf das Gewaltige und Ungeheuere, beide ihre Beruhigung in der Hingabe an das Fatum findend. Mit Sturm und Drang, als Folge der nie zu befriedigenden, an Armut leidenden Empirie stürzt sich die Geschichte ins Leben der Massen. Die Historie durchzuckt den seelischen Boden, läßt das verschneite, in der Wüste sich verlierende Dorf aufhorchen. Zögernd tritt der Muschik an das vom Frost bemalte Fensterlein, wo draußen, keine Mühe scheuend, die „Troika", das Dreigespann vorbei saust. Auf einmal rasselt und klingelt und pfeift es daher. Der Muschik bekreuzigt sich und richtet sich auf. Nun weiß er es, der wunderbare Gogol hat es noch vor ihm geahnt: Da saust „Rusj" vorbei, „Rusj" will sein, werden, es ist der Russenstaat, der in dem Dreigespann festsitzt und es eilig hat. Wohin, wohin will die „Troika" hinaus? Welchem Schicksal eilst du so stürmisch entgegen, wohin so ungestüm, du Russenland? Immer wieder und wieder legt man sich in Rußland diese rätselvolle Frage vor, ohne befriedigende Antwort zu erhalten. Der Gedanke eines historischen Seins und Werdens als Selbstzweck wiederstrebt dem Wahrheitsgehalt der russischen Kultureinstellung. Wenn schon Geschichte, so Geschichte für Alle, für das gesamte Universum. Ein Gefühl der Universalität lebt sicherlich in den Tiefen des russischen Nationalismus. Daher seine äußere Formlosigkeit und seine innere Stoßkraft und Gefahr. Die Revolution trägt auch dieses urrussische Motiv zur Schau. Den unterirdischen Kräften und Traditionen der russischen Geschichte untertänig, fährt auch die Revolution fort, nach nationaler Universalität zu streben, und auch ihr Staatsorgan ist