Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 335 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte 335 auf große Erschütterungen und Ereignisse reagierende Kulturbegabung stellt sich begreiflicherweise als eine in hohem Maße ziyilisationsunfähige heraus. Die Kultur ist hier nicht so beschaffen, um Zivilisation, d. h. eine methodische „Gesittung" im Bereiche der Dinge und der Menschen zu erzeugen, geschweige denn dieser eine metaphysische Weihe zu verleihen. Denn daran muß man festhalten: es gibt mehr und minder zivilisationsbegabte Kulturen. Ein Beispiel einer unmittelbar Zivilisation zeugenden Kultur bietet uns die Einstellung, wie sie von der Reformation offenbart und von den Immigrationsvätern, den Schöpfern von „Neu-England" jenseits des Ozeans, zivilisatorisch, praktischtechnisch wirksam gemacht worden ist. Da lebten Kultur und Zivilisation, bezw. die kultur-metaphysische (kultur-künstlerische) und die kultur-künstliche Phase des menschlichen Geschehens und Tuns nahe bei einander. Das Judentum in vielen Epochen seiner Äußerung stellt auch einen ähnlichen Zusammenschluß beider dar. Von der mythologisch fundierten Intimitätskultur des Russentums führt hingegen kein direkter Weg von eigentlicher Kultur zur wirksamen Zivilisation. Und so wird es auch weiter bleiben, solange die allgemeine, grundsätzliche Lebens- oder Kultur-Einstellung auf ihrer die Willenswirklichkeit ironisierenden, das Entwicklungsvermögen geringschätzenden Position beharren ' wird. Solange das Russentum keine Seele und kein Ethos im täglichen Tun und Schaffen, in der eigenen Daseinsgeschichte zu entdecken vermag, wird es kaum den Weg zur selbständigen Zivilisation finden. Die Zivilisation aber, die im vorrevolutionären Rußland tatsächlich war und deren Spuren auch jetzt noch nicht ganz verwischt sind, ist bei weitem keine Schöpfung russischer Kultur, sondern ein Erzeugnis der russischen Historie, ihrer Staatsgewalt und Politik. Dem soziologisch Sehenden erscheint zwar auch diese spärlich gesäte russische Zivilisation als Produkt der Übertragung und Assimilation fremder, außerrussischer Arbeitskraft. Allein zur Verpflanzung von Zivilisationsmethoden gehören Hände und zur Assimilation selbst braucht man einen Willen. Die Assimilationsfähigkeit zählt ja auch zur schöpferischen Tätigkeit. Und die russische Historie und ihr Staat, die Notwendigkeit historisches Leben zu produzieren, und sich so als Ganzheit, als eigene Schicksals gemeinschaft zu behaupten, brachten im russischen Reiche, der eigenen Kultureinstellung zum Trotz, die Zivilisation in die Höhe. Man sollte es nicht glauben, aber es ist dem so und bei näherer Betrachtung wird es auch verständlich: Die schwache Sensibilität des russischslavischen Wesens, das lediglich auf übermenschlich große Geschehnisse reagiert, gepaart mit einer nach innen gewendeten' Kultureinstellung,- prädestinierte das Russenvolk besonders für eine große politische Geschichte. Die periodisch sich vollziehenden Umstellungen des gesamten Volkslebens, die mehrfache Verlegung des politischen Zentrums von einem Ort an den anderen mußte eine tiefe, nachhaltige, historisch-erzieherische Wirkung ausüben. Man rufe sich nur ins Gedächtnis die Geschichte, die ihr Zentrum in Wolhynien hatte, die Kiewer, Moskauer, Petersburger Geschichtsbildungen,