Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 334 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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334 David Koigen: des Russentums, wo er positiv, bejahend-schöpferisch auftritt, ist denn auch intim-religiös, musikalisch-malerisch betont. Der Wille zur Architektur und zum Drama hat hier nur geringe Kraft und Begabung gezeitigt. Das Dramatische macht sich selbst im russischen Schrifttum nur dort bemerkbar, wo .es gilt, die kulturellen Gebilde und das zivilisatorische Tun zu bekämpfen und ihre Nichtigkeit bloßzustellen, So verfährt Tolstoi, nach ähnlicher Methode arbeitet Dostojewski, mit dem Unterschiede jedoch, daß das Positive, die Kompensation bei beiden verschiedentlich akzentuiert wird. Für Dostojewski ist der positive Mensch — er hat es selbst in einem unlängst veröffentlichten Brief ausgesprochen — der „Idiot" Fürst Myschkin, der die wissende Genialität aller Heiligen, aller Stillen im Lande, auch die des Sosima, in konzentrierter Form darstellt; bei Tolstoi sind die Träger der lebendigen Genialität die namenlosen Karataews und der Feldmarschall Kutusow, dieser große Dulder und Bekenner einer göttlichen Fatalität. Alles andere erscheint als Posse oder Pose, wird verhöhnt und lächerlich gemacht. Tolstoi kann sich des Lachens nicht genug tun, wenn er Napoleons Feldzug vom Jahre 4912 nach dem Russenlande schildert. Man muß den Geist der russischen Sprache kennen, um zu verstehen, was das bedeuten will, wenn Tolstoi oft, bis zum Ermüden von Bonaparte, anstatt Bonapart —wie es russisch heißen soll — spricht. Napoleon, als Inkarnation aller« Kultur und des Glaubens an menschliche Macht, wird mit den Augen eines bodenfesten, klugen Bauern angesehen, wie diesem der Großstädter sammt all seiner Tracht, Pracht und seinem Tun als etwas Zusammenhangloses, Lächerlich-Willkürliches, Aufgeblasenes erscheint Schon Gogol, dieser geistige Vater von Tolstoi und Dostojewski, — der Glaube Dostojewskis an seine Abstammung von Puschkin ist irrig und illusionär — hat zuerst das bitter-ironisierende Verhalten dem „zivilisierten" Menschen gegenüber in glanzvoller Weise zur Ausstattung gebracht. Der „Revisor" ist kein sogenanntes nationales Stück, es ist tief volkstümlich, allrussisch und spricht aus, was auf dem tiefsten Seelengrunde eines jeden ■'«. Russen lebt. Alle Machthaber, Kultur- und Zivilisationsgestalten sind lächerlich, entbehren der Realität und sind innerlich unwahr. Der ukrainische Chochol (Muschik) Gogol lacht die „Lüge" des großen Kulturlebens aus, der Aristokrat Tolstoi macht sie verächtlich und der „Demokrat" Dostojewski gerät darob in prophetischen Zorn. Selbst der große heidnisch-heitere Puschkin spricht ironisch vom „Französischen", wie Dostojewski vom „Deutschchen", „Polchen" usw. Dem Juden gegenüber vermag Dostojewski keine Ironie aufzubringen und er nennt ihn „Jud" („Dschid"). Sonst verhält sich der Russe allen Westlern gegenüber ironisch-verächtlich: Deutschlein, Französchen, Jüdlein, Polchen (Poljatschok). Andere Westler kennt er nicht. Der Russe klebt nicht an den Dingen, sieht ihren Eigenwert nicht und übersieht auch das autonome Leben und die Selbstzwecke des Tuns. Seine Kultur ist so eine nach innen gewendete Gefühls- und Empfindungskultur, die auf einen Teufel stößt oder einen Gott findet. Diese willensmäßig schwache,