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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 333

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
333 (sequence 4)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 333 Blöße. / Von des Kreuzes Last gebeugt / Und gewandet wie ein Knecht / Spendet Segen der himmlische König, / Dich durchwandernd, heimatliche Erde.«*) Die religiöse Idylle und der aufopferungsvolle Rigorismus, der unwiderstehliche Hang zu beiden lebt auf dem Grunde der russischen Seele. Und wenn es dort zu einem Widerstreit kommt, so gleicht er mitnichten dem Kampfe zwischen „Ost" und „West". Nord und Süd, nordische Mystik und südliche Heiterkeit, eine allerdings in Trauer gehüllte, vergiftete Heiterkeit ist die Signatur dieses russischen Doppelgefühls. Ein heidnischempirischer Realitätssinn und zugleich eine Geringschätzung des Gegebenen, kurz und eng Bemessenen, ein mythologisches Sichhinwegsetzen über alle Empirie) diese beiden Elemente keimen, wachsen in der russischen Seele und aus ihnen wächst auch die gefühlsmäßige Artung, der „Charakter" heraus. Der angebliche Hang zum Idealismus und Heroismus ist eine Mär der sogenannten Westler. Der idealistische Aufbau der Welt und des, Lebens vermophte hier nie festen Fuß zu fassen, mutete gekünstelt, bedingt und im Grunde unwahr an; den Heroismus läßt man gelten lediglich als Mittel der Sichlossagung, als Tat der Aufopferung und Selbstvernichtung. Ein Mysterium und Mirakel ist das Leben, und nur dort, wo das Fatum des Daseins sinnlich-mythologisch erfaßt, beinahe berührt wird, verstummen die Zweifel und der Ernst kehrt in die Seele ein. Ebensowenig wie der Idealismus, vermag die Empirie des Alltags hier jemand auf die Dauer zu überzeugen oder zu ernüchtern. Nach der ganzen „Wahrheit", wie sie im Mythos eingeschlossen ist, verlangt es den russischen Geist — oder er will gar nicht und leistet Verzicht. Ich habe mir oft die Frage vorlegen müssen, ob auf dem Boden einer solchen seelischen Verfassung der Wille zur Kultur, d. h. der Wille zur Bildung und Gestaltung an und für sich existierender, sich genügender Daseinsformen, die auf eine eigene Absicht, auf Entwicklungsziele, auf das Ethos schlechtweg hindeuten, möglich ist. Bestimmt nicht vielmehr der Mangel an Idealismus, im philosophischen, platonischen Sinne dieser Bezeichnung, der geringe Glaube an das Sein des Geistigen, die allgemeine, kulturelle Ohnmacht? Allein es gibt keine eindeutige, in tausend Zungen sich äußernde Seele. Eine jegliche wirklich lebende, wirksame Seele ist wenigstens zweideutig, damit eine Kompensation, eine lebendige Ökonomie des Geschehens in ihr zustande käme. Ist die Sensibilität des russischen Menschen allzu schwach, um auf alles, was von Natur und mit Hilfe der Menschenhände geschaffen ist in der Zeit, mit gleicher Kraft zu reagieren, so daß die Zeitschöpfungen im großen und ganzen null und nichtig erscheinen, so sucht sich hier die Seele ein Entgelt, eine Kompensation im religiös-musikalischen Idyll, im Leben mit sich selbst, im Erfassen dieser Selbstheit. Der Genius *) Von Tjutschew.

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