Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 332 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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332 David Kol gen: mit großer Hochachtung sprach, beweist Ihnen in seiner „Philosophie des gemeinsamen Lebens" aufs genaueste die körperliche Auferstehung aus dem physischen Tode eines jeglichen Menschen, und die Frau Schmidt, eine langjährige Freundin Solowjows, malt Ihnen genau das himmlische Bild aus, selbst die Lage, die Mütter und Kinder, die sich dort wiederfinden, annehmen, weiß diese Mystikerin innerhalb der orthodoxen Kirche anzugeben. Offen, seelisch-rücksichtslos, beinahe ohne Keuschheit spricht man von Gott und den Geheimnissen des Daseins, als ob es tägliche Angelegenheiten des Lebens wären. Grobkörnig, seelisch-sinnlich, von psychischer Mythologie erfaßt und durchtränkt gestaltet sich hier das Denken. Bei allem himmlischen Zeremoniell und seelischen Getöse kann man jedoch die merkwürdige Naivität von beinahe heidnischer Unschuld, die irgendwie die Atmosphäre durchdringt, nicht übersehen. Neben der allzu gelben byzantinischen Tracht des Kirchendieners das dünne heitere Tönen des Kirchenglöckleins. Von Kirche zu Kirche, von Dorf zu Dorf tragen die Glöcklein die frohe Botschaft ins weite Land hinaus. Was wäre die von Schwermut durchtränkte Ebene ohne diese heiter-jubelnden Töne. Bei ihrem Klang richtet sich der Russe auf und es wird ihm heimlich zumute. In den „Annalen meines Lebens" erzählt der große Musiker Rimsky-Korsakow von dem Eindruck der kirchlichen Glockentöne auf das Gemüt des Muschik. Ein bekannter Ethnograph soll es ihm mitgeteilt haben. Zuerst gerät der Muschik in Verwunderung und wird ganz stille. Dann, von Ekstase erfaßt, ergeht er sich im Wirbel des Tanzes. Er hält endlich inne und bekreuzigt sich. - Der Andersgläubigen bemächtigt sich aber bei - diesen Glockentönen eine trauernde Sehnsucht nach einem Lande, das man irgendwo und irgendwann zurückgelassen hat, dessen Namen man nicht mehr kennt und das man auch nicht mehr wiederzufinden vermag. Es ist das suchende Gefühl eines Menschen, der, ohne es zu wissen, von verschiedenen mehreren Rassen abstammend, sich so von verschieden gearteten Schicksalsmächten hingezogen weiß. Die Kirchenglöcklein der Wüste tönen einem solchen gar nicht heimatlich ins Ohr, allein das Mirakel, das arme, in Dunkel und Schnee gehüllte Land, das von Glockentönen belebt wird, entlockt einem Tränen des Mitleids mit anderen und sich selbst, die Gefahr der Aufopferungshingabe winkt ihm entgegen. Dieses für andersgläubige Ohren monotone Glockenspiel in der weiten Ebene hat auch manchen nichtrussischen Jüngling veranlaßt, den vorrevolutionären politischen Märtyrerweg anzutreten. Die Macht der trauernden Armut, religiöser Missionsdrang waren es, die so vielen aus der Schar der Andersgläubigen, zumal der russischen Israeliten diese Bahn der S.elbstvernichtung gewiesen hat. Die russische Stille, ihr religiös-musikalisches Idyll birgt größere Gefahren in sich, als alle Apokalypse des Russentums. ,Jene dürftigen Dörfer, / Jene karge Natur — / Du Heimatland der Langmut, / Land des Russenvolks du! / Nicht erfaßt und erkennt / Des fremden Stamms stolzer Blick, / Was durchzuckt und heimlich leuchtet / In deiner demutvollen