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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 331

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
331 (sequence 2)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 331 zu tun pflegten: aus dem höllisch heißen Schwitzbad sprangen sie in den mit Eis überschwemmten Moskwa-Teich. Und dann: Wenn schon die „Last der Herrschaft" tragen, so habe das im Geiste Iwan des Schrecklichen zu geschehen; wenn man sich militaristisch zu gebärden hat, so soll das nach der Art des unvergeßlichen Araktscheew geschehen; und wenn Sie gar dem Bösen zu entrinnen gedenken, so greifen Sie zum Bettlerstab des Onkel Wlas, zu dem Tolstoi sein Leben lang mit sittlichem Neid emporblickte. Machen Sie etwa Revolution, so treten Sie in die Fußtapfen von Pugatschew, Stenka Rasin und Michael Bakunin, suchen Sie aber Gott, so suchen Sie ihn, wie es Dostojewski getan hat. In Zorn und Liebe, mit Haß und Kampf. Der russische Geist, der an schwacher Sensibilität leidet, duldet keine Metapher; Allegorien und Symbole sind ihm verhaßt. Dem letzten Dasein, wie es als äußerste Realität in der Seele wirksam ist, möchte er ins uferlose Antlitz schauen, und dieses letzte Dasein müsse denn auch den Gehalt der Sinne, des leiblichen Fassungsvermögens ausmachen. An andersgeartete Imniaterialität vermag er nicht zu glauben. Mystischer Empirismus ist der Ausdruck für solches Bewußtsein. Nur keine Allegorien, keine Metaphern und Symbole. Führe man das Wort Christus im Munde, so müsse man der Überzeugung sein, daß anno so und so der Prophet Jesu von Nazareth buchstäblich, leiblich auferstanden ist. Es wird Ihnen allerdings nicht verwehrt, wie es Wladimir Solowjow tat, die Auferstehung Christi mit den Methoden der Darwinistischen Deszendenztheorie zu begründen: Gott-Mensch als eine neue noch nicht dagewesene Artentstehung im Prozesse der Naturselektion. Der Zufall wollte es, daß ich persönlich dieser Forderung gegenüber gestellt wurde. So kam es während eines von mir in den Kriegsjahren gehaltenen Vortrags über „Religion und Staat" in der „Petersburger Religionsphilosophischen Gesellschaft" zu einem heftigen Angriff seitens einer Theologin. Die betreffende Dame, die Tochter eines russischen Dorf geistlichen, die, wie sich* nachträglich herausstellte, an der Freiburger (Schweiz) Universität studierte und dort heimlich zum Katholizismus übergetreten war, verlangte, ich solle öffentlich erklären, wie ich mich zur Auferstehung Christi verhalte. Wer die körperliche Auferstehung nicht zu fassen vermöge, dem werde auch das Recht abgesprochen, über das Christentum sich zu äußern. Mit dem gleichen Ansinnen kam nachher die Dame, im Grunde ein sehr liebes Menschenwesen, mehrere Mal zu mir. Nur Dank dem feinen Takt des Vorsitzenden, des späteren Ministers für kirchliche Angelegenheiten, Kartaschew, wurde der „Skandal" beigelegt. Mit Donner und Blitz, mit summarischen Begriffen nach mythologischem Muster muß in Rußland philosophiert, politisiert und selbst gelebt werden. Für differenziertes Denken, für Nuancen und Andeutungen ist im Grunde kein Verständnis vorhanden. Wenn Sie Christus und das Evangeliuni gelten lassen, so erwächst Ihnen die Pflicht, an die real-empirische Gottmenschheit zu glauben. * Der philosophische Sonderling Fedorow, von dem Tolstoi stets 2a*

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