Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Moderne hebräische Literatur
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 327 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Moderne hebräische Literatur 327 mit bittern Worten: Was habt ihr denn im neuen Judentum, in eurem Nationalismus, in euerm Schaffen und Tun? Aggada, Aggada und Aggada .. ♦ Weiches, Unfestes, Unklares, Unlebendiges, Phraseologisches . . . Wo ist aber die Halacha?, das Feste und Klare, das Gesetzgebende und Formende, das Gestaltende und Bildende? Er, der uns die alte Aggada in seinem Meisterwerke „Sefer Haaggada" um zweitausend Jahre näher gebracht hat, verwlrftt sie so, wenn sie a 11 e s ist, wenn sie die Menschen an das bloße Singen, an den „Leichtsinn* des Lebens gewöhnt.. Alle Völker dürfen ja „wie der Vogel singen", ihr aber, die ihr nichts habt, die ihr so arm an Kultur seid — was habt ihr mit Poesie „Vogelgesang", „Kunst um der Kunst willen" zu tun? Habt ihr denn schon feste Lebensformen, Lebensgrenzen? Wißt ihr schon, was ihr eigentlich seid? Bialik, der auf das tiefste eingesehen hat, wie unser Leben verschwommen, zerflossen ist, sehnt sich so nach dem Gesetz,! mSinneGoethes,dasallein die Freiheit in sich birgt,nach der JadHachasaka,wie es Maimonides zu seiner Zeit verstanden hat. Wird man auf Bialik hören? Kaum. Die meisten jungen Dichter und Schriftsteller wollen grenzenlose Freiheit haben und können zumeist keineswegs begreifen, wie Gesetz mit Freiheit konvergieren kann. Die werden sehr erbittert sein auf Bialik den Dichter, der sie verraten hat und zu den Halacha-Mensehen übergegangen ist oder sich im Uebergehen befindet. D enn in der Tat, um zu verstehen, daß Gesetz und Freiheitübereinstimmen,genügt es nichtDichter oder Schriftsteller zu sein . . . Wie dem aber auch sein mag, ob man Bialik in allem zustimmt oder nicht, ob dem Aggadischen einzig und allein die Schuld zuzuschreiben ist oder nicht, — den Kern dieser Worte wird niemand zu bestreiten wagen. Die jung-hebräische Literatur ist. nicht reich, nicht inhaltreich, ideenvoll genug, um als einzige Kulturquelle für den jungen jüdischen Menschen dienen zu können. Sie kann noch keineswegs die Rolle der klassischen Bücher des Altertums und Mittelalters übernehmen, sie ist nicht imstande, irgendwie sie zu ersetzen. Die Bibel und der Talmud haben ihrerzeit den ganzen Juden erfaßt, sie haben ihm alle seine Fragen beantwortet, alle Probleme gelöst, daß man sagte: »flvyiKa ^Vt 'Tö (es gibt nichts, daß nicht in der Tora angedeutet ist). Das waren ihrerzeit Bücher des Lebens im vollen Sinn des Wortes, des Lebens, das zu jener Zeit allen möglich, ja notwendig war. Kann aber die junghebräische Literatur das sein? Sie kann doch nicht einmal alle Bedürfnisse eines kulturellen Menschen befriedigen, es fehlt in ihr so viel Elementares. Selbstverständliches. Das reichste /Gebiet der jung-hebräischen Literatur ist die P o e s i e, die mancher entwickelten europäischen Lieratur gleichgestellt werden darf, wobei man das Spezifische bei ihr und bei jener streng auseinderhalten muß. Die Poesie ist schon seit mehreren Jahren nicht mehr dem Natioalismus Untertan, sie ist individuell, allgemeinmenschlich mit einem jüdischen Grundton, den sie keineswegs entbehren kann. Der „nationalste" Dichter der jung-hebräischen Poesie, Bialik, hat schon lange sein „nationalistisches Dichten" aufgegeben, er betrat den Weg der Rückkehr zu sich selbst. Er gab uns in den letzten Jahren (in dem Sammelbuch „Knesset", von ihm redagiert) eine Reihe von Gedichten, die einen ganz anderen Klang haben als seine so bekannten nationalen Gedichte. Wenn aber sogar Bialik sich von der nationalen oder nationalistischen Dichtung entfernt hat — wie weit sind erst von ihr Tschernichowski, Schneur und die anderen, bei denen das Nationalproblematische nie ein Hauptmotiv gewesen ist. DiesenWeggehtalsodiejung-hebräischePoesie. Es ist aber nicht schwer vorauszusehen, daß die Poesie sich dem Nationalen in der Gestalt des National-kosmischen zukehren wird. Das wird aber etwas ganz anderes sein. Was die jung-hebräische erzählende Prosa anbetrifft, ist ihre Eigenart nicht zu verkennen, aber weltgroße, erschütternde Werke hat sie nicht hervorgebracht. Erfreulich ist jedoch, daß die jüngeren hebräischen Prosaiker (insbesondere die palästinensischen, d. h. die in Palästina wohnenden) sich von dem Einfluß des „Großvaters" Mendele-Mocher-Sefarim fast ganz befreit haben. Mendele selbst ist ja ein Phänomen für sich, aber die stete Mendele-Nachahmung, die in der Prosa herrschte, der „Nussach", wie es Bialik nennt, war für die jung-hebräische Prosa von Schaden, hemmte sie und raubte ihr ihre Freiheit. Wir werden bei einer spezielleren Betrachtung einige wichtige Beispiele anzuführen haben. Im übrigen sieht es in der junghebräischen Literatur etwas ärmlich aus. Die allgemeinen Wissenschaften sind sehr vernachlässigt: außer Studien über jüdische Geschichte, Archäologie, kritische Bibel- und Talmudkunde ist von wissenschaftlicher Arbeit fast nichts zu merken. Versuche werden da und dort gemacht, aber es fehlt bei uns durchaus an der Atmosphäre, die die Ausbildung einer nationalen Wissenschaft ermöglicht und' fördert. Wo sind unsere nationalen hebräischen Mittelschulen und Hochschulen? Wo ist denn die geschossene Volkgemeinschaft, in der das Hebräische wirklich lebt? (An Palästina könnte man immerhin mit solchen Ansprüchen herantreten, aber da gibt es viele Momente, die alle Mühe und Arbeit fast zunichte machen; auch ist hier alles noch zu jung und unkristallisiert.) Es ist aber nicht schwer zum Schluß zu kommen, daß, solang das jüdische Volk in den verschiedenen Ländern der