Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Moderne hebräische Literatur
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 326 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Umschau: Moderne hebräisch« Literatur Komische bei ihm erregt wieder Lachen, das Tragische aber, das Abgrundtiefe gelangt nicht ans Herz . . . das ist fremd, unverständlich, man wartet, bis es wieder etwas zum Lachen gibt, bis es wieder „Spaß macht". Die zwei, der Seide (Großvater) und sein Enkel, sie sind die einzigen Glücklichen, die Einreiseerlaubnis vom Osten nach dem Westen erlangen können ... sie allein dürfen die Grenzen Überschreiten, kein anderer darf es wagen . . . Kein anderer — sogar Bialikl Tatsache ist es, daß das Wesentliche und Ausschlaggebende des Größten unter uns, das was seine Größe ausmacht, dem Westjudentum durchaus fremd ist. (Die schlechten Uebersetzungen ins Deutsche sind nicht allein daran schuld,) Wenn Bialik vom Bet-Hamidrasch spricht, wenn er von dem Matmid erzählt — findet man darin nichts mehr als bloße unzeitgemäße Romantik und Sentimentalität. Erzählt er von Wald und Feld, von der Natur, folgt man ihm nicht Er betet mit großen, inbrünstigen Worten das Licht an — und kein Funke erglimmt bei dem „Blau-Weissen*. Er ruft den Himmel zu Gericht, klagt bitter und stolz den Gott Israels an, donnert mit einer Sprache, die nie vor ihm bei uns gekannt wurde, die Welt* der Bedrückten, der Geängstigten, der Schwachen (nämlich: uns) an — und niemand hört es hier . . . Von den Jüngsten kann vielleicht Agnon auf ein Publikum von Lesern rechnen: er gibt doch wieder den Juden , . . er knüpft doch manchmal an Mendele-Mocher- Sefarim und SchalomrAleichem an. Wer kennt aber * Gn essin, diesen bedeutenden Individualisten, den das Ringen des jüdischen Menschen bis in den Tod verfolgt hat? Wer hat das letzte erschütternde Werk „Scheehol W'chischolan" von Brenner gelesen? Wen hat es ergriffen? Wem ein wenig blau«weiße Ruhe und Sicherheit geraubt? Und, zum Schluß: ist denn wirklich die Vorstellung des jungen Juden im Westen vom Juden allgemein eine rein Schalom-Aieichemsche? liest er ihn vielleicht so gern, weil diser Jude seiner Vorstellung entspricht, während der Brennersche und Gnessinschefürihn nicht existieren? Wäre das nicht ein testimonium paupertatfs für das Westjudentum? . . . Ich weiß fast selbst nicht, wie ich plötzlich zu diesem Anklageton kam, der freilich, wenn dies mein Gegenstand wäre, noch viel stärker sein müßte. Ich wollte aber hier bloß auf das Fehlen einer seelischen Beziehung des sich hebraisierenden Westjudentums zu der junghebräischen Literatur hinweisen. Eine wirkliche Beziehung kann aber erst dann entstehen, wenn, das Westjudentum sich zum vollen jüdischen Menschen bekennt, wenn es an die jung-hebräische Literatur nicht wie an eine Literatur, sondern wie an i h r e, ihre eigene Literatur herangeht. Das muß stets gefordert werden, das. ist objektiv auch erfüllbar* Die jung-hebräische Literatur ist nicht die Literatur des Ostjudentums allein, sie hat viel vom allgemein Jüdisch- Menschlichen, das muß Überall verstanden und gewürdigt werden. Wenn ich nun über die jung-hebräische Literatur sprechen will, so möchte ich sie nicht interpretieren, nicht übersetzen, nicht heranholen das Naheliegende, um sie verständlich zu machen, sondern ich werde versuchen zu zeigen, was in ihr gährt, worum gekämpft wird, wonach gesucht wird. II. Die letzten sieben Jahre — seit Ausbruch des Krieges — waren für die junghebräische Literatur schwere Jahre, „sieben Hungersjahre", ungeachtet der literarischen Erscheinungen, die während dieser Zelt zufällig da und dort erschienen sind. Zwei Länder waren es, die in den letzten Jahren vor dem Weltkriege das Zentrum der junghebräischen Literatur bildeten: Rußland und Palästina, In diesen beiden konnte sich aber der Kriegsverhäitnisse wegen keine rege und stete literarische Weiterentwicklung vollziehen. Abgesehen von einigen nicht sehr bedeutenden Gedichten und Erzählungen sind die Spuren des Weltkrieges in der junghebräischen Literatur kaum zu erkennen. Niemand bei uns wurde durch den Krieg so erschüttert, wie ein Romain Rolland, Andrejew usw. Die „Gojim" machen Krieg — warum soll sich der jüdische Dichter und Denker darum bekümmern? Jüdische Städte und Gemeinden werden im Osten zerstört, Tausende und aber Tausende von Juden werden auf die grausamste Weise ums Leben gebracht — aber das ist ja wirklich nicht neu . , . Dem Problem des Krieges, seiner Ursachen und Folgen, des Völkerlebens, des Wesens der heutigen Kultur ist die jung-hebräische Literatur fremd geblieben, was nicht zu ihrem Lobe gesagt werden muß. Daher blieb sie auch nachher in ihren engen Ghettoideen eingeschlossen. Während der Kriegsjahre starben von den Schöpfern der hebräischen und jüdischen Literatur Mendele Mocher Sefarim, Scholem- Aleichem, Perez, Buki - ben - JogÜ und andere. Der schweigende oder verschwiegene Achad-Haam setzte sein Schweigen noch hartnäckiger fort Bialik, der sonst das Wort zur Zeit zu ergreifen versteht, geriet wieder ins Schweigen. In diesen Schreckensjahren brachte er aber doch seinen Gedanken über die Zukunft unserer Kultur, den er schon früher manchmal ausgesprochen - hatte und dessen Elemente von seinem Meister Achad-Haam herrühren, zu seiner künstlerischen Höhe in dem berühmten Aufsatz: „Halacha und Aggada'**). Er spottet unser, er geißelt uns *) Deutsch im IV. Jahrgang des „Juden0, S, 61 ff.