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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 328

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Moderne hebräische Literatur
Date
1921-01-01
Page
328 (sequence 5)
Language
German
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w 328 Umschau: Moderne hebräische Literatur Diaspora sich verschiedener Sprachen bedient, auf verschiedene fremde Kulturen angewiesen, die jung-hebräische Literatur im Rahmen einer eng-nationalen Literatur bleiben muß, eine der allgemeinen herrschenden Literatur unter geordne te Nebenliter atur, die die allgemein en kulturellen Bedürfnisse des jüdischen Menschen nicht befriedigen kann, die lediglich jenes wenige Spezifische umfaßt, das die allgemeine, fremde Literatur nicht beachtet oder sogar bekämpft. Das nimmt gegenwärtig der jung-hebräischen Literatur die Möglichkeit, zu einem vollständigen, allumfassenden, in der eigenen Region alleinherrschenden Schrifttum heranzuwachsen; ein Zustand, der notwendigerweise die Schöpfer der jung-hebräischen Literatur demütigen und auf sie störend einwirken muß. Die jung-hebräische Literatur hat noch viel zu tun, um das zu werden, was sie sein muß. Ihre Armut ist aber eigentlich unsere Armut. Was hat denn das Volk, sagen wir: die jüdische Gesellschaft oder schon gar die streng ausgeprägten nationalen Gruppen und Parteien für die Förderung der hebräischen oder jüdischen Literatur getan? Einige mißglückte Verlage, kleine, beiläufige philanthropische Unterstützungen, ein wenig Händeklatschen und viel Indifferentismus undAbseitstehen— das ist alles. Beinahe möchte ich sagen: die gegenwärtige jüdische Gesellschaft ist auch noch dieser armen Literatur " nicht würdig . . . auch das ist noch zuviel für sie, ihren Taten, oder richtiger: ihrer Tatenlosigkeit nach. Der Blau-Weiße, der K. J. V.-er usw. fragt manchmal: Kann man denn Bialik mit Goethe vergleichen? Nie würde ich auf solche Fragen eingehen, nie solche „Vergleiche" zu ziehen versuchen, aber das möchte ich doch einmal sagen: Was habt ihr denn," ihr Juden, Bialik gegeben? Womit habt ihr ihn gefördert? Wo ist Bialiks Weimar? Wo sein Herder und sein Karl August? Wer hat für Bialik Shakespeare und die Antike entdekt,werihnindieVolksdichtung eingeführt? Wer hat für ihn die tote, alte, durch die Meliza der Haskala phraseologisch gewordene Sprache gereinigt? Alles hat er allein machen müssen — was habt ihr ihm gegeben? Was er euch aber gegeben hat — darüber ist alles Schreiben und Reden überflüssig. Manche glauben, das allgemeine Bild der jung-hebräischen Literatur der letzten Zeit sei nicht wirklich so ärmlich, wie man es zu schildern versucht, es sei in der Tat nur eine Depressionsstimmung, die auf den sich stark in der letzten Zeit in der Literatur verbreitenden Individualismus zurückzuführen sei. Als Achad-Haam herrschte, Mendele im Schaffen war, Bialik seine Höhe erreichte — sah es ganz anders aus. Da war, um ein Wort Fichmanns zu gebrauchen, die Kapelle in voller Ordnung, alles klappte ganz genau, denn da war ein Dirigent Jetzt aber ist die Kapelle auseinandergegangen, kein Dirigent mehr da, ein jeder spielt seine Weise, nichts vereinigt sich, alles bleibt vereinzelt, abgesondert . . . Manches daran ist zweifellos wahr, aber aber es ist ganz falsch, das dem Individualismus zuzuschreiben. Nie kann der echte Individualismus so zerstörend wirken. Gerade ihm gelingt es manchmal, den Weg zur Allgemeinheit, zur Gemeinschaft zu zeigen. Stark individualistisch ausgeprägte Persönlichkeiten sind für das Schaffen von Kultur und neuen Werten nie verwerflich, im Gegenteil, man kann sie nicht entbehren. Freilich, sich individualisierende Personen — die sind oft schädlich, weil sie künstlich sind. Daß in einer Zelt des Verfalls, wie unsere Zeit mit Recht oder Unrecht allgemein bezeichnet wird, die jung-hebräische Literatur, die noch keine alte Tradition besitzt, sich oft dem Sich-individualisieren hingibt, darob ist sie nicht zu verdammen. Aber möge erst der wahre Individualismus die jung-hebräische Literatur beherrschen, er wird das Orchester nicht in einzelne Solospieler zersprengen. Die Armut der jung-hebräischen Literatur ist eigentlich nur ein relativer Begriff, sie besteht im Verhältnis zu anderen Literaturen großer europäischer Völker und zu den allgemein-kulturellen Forderungen, die wir haben sollten, die aber die meisten von uns in Wirklichkeit gar nicht haben. Im Verhältnis aber zu unserm sonstigen nationalen „Vermögen" ist die jung-hebräische Literatur durchaus nicht so arm. Die Kultur eines Volkes findet doch sonst ihren Ausdruck, außer in der Literatur, In der Politik und Staatsführung, in den bildenden Künsten, der Technik usw. Weil aber die Literatur unser ganzes Vermögen ist, darum müßten wir an unserem Können und Wollen verzweifeln, wenn es so weiter geht. Aber, was immer wieder betont werden muß, die jung-hebräische Literatur ist nicht ein Seiendes, sondern ein Werdendes. Für einen Werdenden gibt es im Grunde weder Armut noch Reichtum, er steht in der Fülle seines Wachstums. Ein Werdender kann uns immer überraschen, mit ihm kann man nicht rechten . . Welches sind denn aber die Werdensprozesse der jung-hebräischen Literatur? Was wird in ihr? Darüber wird noch zu reden sein. Sim on Rawidowitz Berichtigung. Im 3. Heft auf S. 169 gehört die 3, Anmer- 0. („das Allgemein-Typische"); auf S. 171 kung nicht zu Z. 18 v. u., sondern zu Z. 12 v. 4 v. u. ist statt „Hariris" zu lesen: Häflz\ Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Gustav Krojanker, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Zahn & Baendel, Kirchhain N.-L,

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