Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Moderne hebräische Literatur
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 325 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Moderne hebräische Literatur 325 Ganz anders verhält es sich aber mit der junghebräischen Literatur. Der Haskaiaf Literatur entspringend unterscheidet sie sich X doch in allem von ihr. Sie beginnt mit Empörung " und Revolution gegen das Alte und versucht;.: neue Wege zu bahnen. Mit dem Westen, ' insbesondere mit dem deutschen Westen, hat sie nicht viel zu schaffen. Die Väter der neuhebräischen Literatur sind Voltaire, Lessing, Schiller. Rousseau hat nur auf das falsche Pathos und die Entwicklung der Phrase (Meliza) eingewirkt. Goethe wurde trotz der stundenlangen Diskussionen über den Faust in den Romanen von Smolenskin usw. nicht wirklich aufgenommen. Die junghebräische Literatur kennt kaum diese „Großväter", sie will kein Enkel sein. Einen anderen Nahrungsstoff sucht sie, den man besser verarbeiten und verwerten könnte; sie will von außen nur das empfangen, was ihrer Eigentümlichkeit zuträglich ist. Befreit vom Romantischen und Rationalistischen sucht sie den Realismus; wohlgemerkt, sie hat ihn noch nicht, bekommt ihn auch nicht so leicht, sie ist aber auf der Suche nach ihm. Sie sucht etwas Lebendiges und Frisches, daß sie erfrischen könnte; vielmehr sucht sie sich selbst, ihr eigenes Ich. Sie will sich ganz offenbaren, sie sucht den vollen Ausdruck für all das, was in ihr keimt und gährt, was sie zum Kampfe ruft und was sie demütigt, was sie beflügelt und was sie hemmt. In Unruhe wurde sie geboren, Unruhe ist ihr Element. Das Volk und das Volksleben, der Einzelne aus dem Volke, sein Ringen als Jude und Mensch — das sind von nun an ihre Hauptmotive. Von der zentrifugalen Kraft der Haskala befreit unterwirft sie sich der zentripetalen Kraft des Nationalismus, der ihr zuerst seine ganze Wucht verleiht, später aber wird sie durch ihn beschränkt, eng, „nationalistisch". Man darf dies aber nicht so verstehen, als ob einzig der Nationalismus der jung-hebräischen Literatur ihre Signatur gegeben hätte. Im Gegenteil, gerade hier sträubten sich gegen den nationalen Gedanken (insbesondere gegen seinen prägnanten Ausdruck, den Zionismus) der Antinationalismus, der Skeptizismus und Kritizismus, das Ironisierende und Dynamische im jüdischen Menschen, die ihn auf das äußerste bekämpften. Wirkliche Apikorsim (Ketzer) vom Typus des talmudischen Acher kennt gerade die jung-hebräische Literatur. Immerhin stand der nationale Gedanke an ihrer Wiege. Als sie das Tageslicht erblickte, war der nationale Gedanke das erste, was ihre schwachen, halbgeschlossenen Augen, die noch kaum etwas zu sehen vermochten, bemerkten. Der erste Eindruck war doch ein „nationalistischer". Der nationale Gedanke hat sie dann gehen gelehrt, er hat siezur Schule geleitet, und dasist keineswegs gering zu schätzen, ob sie sich auch später gegen ihn empörte und sich von ihm losriß. Die Auseinandersetzung zwischen ihnen £ ist nicht zu Ende; das letzte Wort gebührt dem jüdischen Nationalismus; er muß es ein für allemal erklären, ob er etwas Dogmatisches, «Lehrhaftes, Phraseologisches bleiben will oder sich zum Leben, zur Wirklichkeit, zu den Forderungen ' der jungen Generation zu bekennen bereit ist. Nur im zweiten Fall wird er der jung-hebräischen Literatur voranleuchten können. Losgemacht also von der alten Bindung an den Westen wird die jung-hebräische Literatur immer östlicher, wohl aber nimmt sie manches vom Norden an, was insbesondere in der jungen Prosa zu merken ist (Gnessin und andere.) Das wenige, was sie vom deutschen Westen empfängt, ist zur Zeit ganz unbedeutend. Das ist wohl zu bedauern; denn manches und zweifellos Nützliches könnte die jung-hebräische Literatur vom jungen Deutschland, das auf seine Art um sein Wesen und seinen Ausdruck ringt, lernen! Und vielleicht wird der Zufall (was ist dena in Wirklichkeit unser ganzes Volksleben wenn nicht eine Anhäufung von Zufällen?), daß infolge der letzten Ereignisse viele bedeutende Persönlichkeiten der hebräischen Literatur sich zur Zeit in Deutschland authalten, uns zum Heil gereichen. Daher ist die Tatsache zu erklären, daß die jung-hebräisehe Literatur dem Westen, dem jüdischen Westen so fremd und unverständlich ist. Sogar der sich hebraisierenden Jugend des deutschen Judentums gelang es nicht, den wirklichen Geist der jung-hebräischen Literatur, ihren Charakter zu erfassen. Eine merkwürdige und lehrreiche Erscheinung, die zum allgemeinen Bild der Dinge gehört. Nur jene Teile der junghebräischen Literatur sind dem sich hebraisierenden Westjudentum verständlich, die sich mit dem Juden „an sich" befassen, mit dem Ghettojuden aus Kabzansk und Kaßrielewke, mit Menachem-Mendel und Fischke dem Krummen, mit jenem Juden, der all das Komische unseres Diasporalebens in sich aufgenommen hat. Ein Schriftsteller, der denj üdischenMenschen, den Menschen im Juden, den Juden der letzten Generation, den Jüngeren, Suchenden, Ringenden uns gibt, ist der sich hebraisierenden Jugend des Westjudentums fremd und fern. Diese Beziehung, oder richtiger dies Fehlen einer seelischen Beziehung des Westjudentums zum Suchen und Kämpfen des jungen Juden, wie es sich in der jung-hebräischen Literatur äußert, wäre eigentlich ein Kapitel für sich; hier möchte ich nur noch etwas hinzufügen, was ich aus der Erfahrung gelernt habe, vornehmlich aus dem Umgang mit jungen Westjuden, denen ich einige Kenntnis der jung-hebräischen Literatur beibringen wollte. S c h a 10 m-A1 e 1 c h e m lies t man mitVergnügen, „es macht viel Spaß" . . . mankann dabei so viel lachen . . . Mendele-Mocher- Sefarim wird mit „Interesse" gelesen; das