Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 319

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die Erziehung der zweiten Generation
Date
1921-01-01
Page
319 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106745--5128-3106817
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bemerkungen: Die Erziehung der zweiten Generation 319 Dabei müssen wir uns natürlich klarmachen, daß alle diese Bildungsstätten — Schule, Konzert, Theater, Ausstellung—notgedrungen weit hinter europäischen Bildungsstätten mit ähnlichen Zielen zurückbleiben und uns in die Gefahr bringen, den Verstand und Geschmack unsrer Kinder verbilden zu lassen, wenn wir es nicht vorziehen, sie auf die höheren wissenschaftlichen und künstlerischen Genüsse zu verweisen — beides unerwünschte Alternativen, denen sich aber niemand, der hier Kinder zu erziehen hat, entziehen kann, weil er ihnen ja keine andre Anregung und Abwechslung zu bieten hat. (Es bleibe hier nicht unerwähnt, daß die konservativ-orthodoxe Schule, die vom Cheder zur Jeschibah, von der Jeschibah zum engeren Gelehrtenkreis führt, einen Weg zur Unabhängigkeit von andren kulturidealen einschlägt; da dieser Weg aber abseits von unsrem Ziele: der nationalen Wiedergeburt des Judentums liegt, kann er nicht der unsre sein.) Diese Richtung in der Jugenderziehung, die in der Vorbereitung des Schülers für die Aufnahme europäischer Wissenschaft und europäischer Kunst ihr Ziel sieht, war zu der Zeit, als unsrem palästinensischen Erziehungswesen seine Grundlagen gegeben wurden, die natürliche. Weite zionistische Kreise sahen damals in dem Palästina ihrer Hoffnung eine Art von Dependance Europas mit Vakuumreiniger, Warenhaus und Star- Aufführungen. Sie kannten für das jüdische Volk kein anderes Streben als zu werden wie alle Völker. Gedanken, die inzwischen ganz in uns eingegangen sind: als Volk im eignen Lande anders zu werden als die Völker Europas, einen Bund einzugehen mit der asiatischen Kultur — solche Gedanken waren damals noch verschleiert und bildeten das sorglich gehütete Gut weniger Einzelnen. Infolgedessen imitierte man, so gut es eben gehen wollte, europäische Schulen und sonstige europäische Bildungsstätten und erreichte auch wirklich, daß die am besten Ausgebildeten zur Zeit der ersten blühenden Schaffenskraft — das Land verließen, um Europa in sich aufzunehmen. Erst nachdem wir die Erfahrung gemacht hatten, daß viele der jungen Palästinenser, die nach Europa gingen, Palästina verloren gingen, wurden wir stutzig, Aber vielleicht hätte der Einzelne diese Anziehungskraft Europas für die palästinensische Jugend nicht so schwer empfunden, wenn nicht gleichzeitig im Kriege jene Umwertung aller Werte vor sich gegangen wäre, die uns am Werte der wissenschaftlich - ästhetischen Kultur Europas irre gemacht, und uns ein neues, halb in orientalischer Mentalität wurzelndes Kulturideal: das Ideal der gerechten sozialen Ordnung gegeben hätte. Nun ganz plötzlich, von gestern auf heute, ist die Frage entstanden, ob unsre, aus Wurzeln europäisch-humanistischen Denkens entsprungene Jugenderziehung auf das Ziel unsres neuen Ideals hinsteuert. Ihre plötzliche Aktualität kommt besonders den Scharen der Neuen und Jungen zum Bewußtsein, die ins Land strömen, nachdem sie sich in vollem Bewußtsein von Europa und dem Europäismus losgerissen haben, und die bereit sind, den Weg zur Kultur, auf dem sie bisher gegangen sind, zurückzugehen bis zu einer Anfangsstation, von der aus es noch möglich ist, sich durch Brachland hindurch den Weg zu einer neuen — noch unbekannten — Kultur zu bahnen. Unter dem Einfluß dieser neuen Strömung ist plötzlich für die Eltern palästinensischer Jugend die Frage entstanden, ob es angängig ist, ihre Kinder weiter Schulen zu übergeben, deren Struktur aus der Zeit stammt, da das Ideal der ästhetisch-wissenschaftlichen Kultur Europas noch keine Erschütterung erfahren hatte und da Palästina als eine europäische Zweigstelle geträumt war. Oder ob es notwendig ist, eine vollständige Umgestaltung der palästinensischen Schule im Sinne des neuen — des sozialen — Ideals zu fordern. Tut man das Zweite, so muß man sich natürlich klar darüber sein, was man von der neuen Schule verlangt. Zwei Wege zur Erziehungsreform erscheinen möglich. Einer, der in der Schule in allen ihren Stufen einschließlich der Hochschule und den sie ergänzenden Bildungsstätten nur ein Mittel sieht, den menschlichen Geist so auszubilden, daß er « ' für seine eigentliche — die soziale — Aufgabe vorbereitet ist. Der in die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft (die wich-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.