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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 318

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die Erziehung der zweiten Generation
Date
1921-01-01
Page
318 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN DIE ERZIEHUNG DER ZWEITEN GENERATION*) (Brief aus Palästina.) Die Schwere des ganz persönlichen Palästina-Problems, des Problems der kulturellen Umstellung des Einzelnen in der Richtung auf das erstrebte Volksziel kann nur der ganz ermessen, der in Palästina Kinder zu erziehen hat. Er erkennt, daß erst für die zweite Generation die Forderung eines Bruches mit der Tradition, einer neuen Formung möglich und erfüllbar wird. Im Grunde brauchen ja wir, die als erste Generation reifer Menschen nach Palästina gekommen sind, keine großen „Kultur- Opfer zu bringen. Gewiß, wir haben eines Tages unsre Beziehung zur Wissenschaft und Kunst abbrechen müssen, ohne Hoffnung, sie in Palästina wieder aufnehmen zu können. Das ist hart genug, für einige so hart, daß sie, die mit der Geige, der Palette oder der Chemikaliensammlung im Auswanderergepäck herkamen, unter der Unmöglichkeit, neben ihrer schweren körperlichen Arbeit sich mit geistigen Dingen zu befassen, zusammenbrechen oder nach dem Westen zurückkehren. Aber im Grunde tragen wir doch alle unsern Kant und Shakespeare, unsren Bach und Beethoven, unsren Praxiteles und Rembrandt weiter in uns, und keine Macht der Welt kann uns mehr die Gabe rauben, mit dem durch sie geschulten Denken und den durch sie veredelten Sinnen den Sinn der Welt zu erfassen, das Reich der Farben und Klänge zu durchdringen und in der Erinnerung an Werke des Wissens und der Kunst uns zu erheben. So zehren wir, wie fremd und hart unser *) Wir stellen die bedeutsame Frage, die hier behandelt wird, hiermit zur Dlsskussion. (Anm. d. Red.) Leben in Palästina äußerlich auch sein mag, in Wirklichkeit doch noch von allen Genüssen des europäischen Gebildeten. Anders liegen die Dinge bei unsren in Palästina geborenen oder noch in der Lernzeit nach Palästina verpflanzten Kindern. Fern von Europa und seiner Kultur geboren, müssen sie entweder in einer Richtung erzogen werden, die geraden Weges auf die europäische Kultur zusteuert, oder in einer solchen, die von ihr ganz fortführt, zu — zu welchem andren Ziel, wird noch zu untersuchen sein. Bisher hat fast unsre gesamte Jugendbildung in Palästina die Richtung auf Europa eingehalten. Denen, die unsre palästinensischen Schulen einrichteten, hat noch ganz und gar das alte, humanistischegozentrische Bildungsideal vorgeschwebt, das in der harmonischen Durchbildung der Persönlichkeit vorwiegend nach der wissenschaftlich-ästhetischen Seite hin seine Erfüllung sieht. Ganz wie in Europa hat man ein Schulsystem geschaffen, das die Elementarschule als einen unvermeidlichen Ersatz für höhere Bildungsanstalten ansieht und im Gymnasium seinen Gipfel erblickt, wobei wiederum das hebräische Gymnasium sein Streben darin sieht, daß seine Abiturienten zum unmittelbaren Eintritt in europäische Hochschulen zugelassen werden. Die Mittel, durch die diese Jugendbildung außerhalb der Schule ergänzt wird, weisen am deutlichsten auf ihre europäisch-humanistische Abstammung hin: Schülerkonzerte, Theater aufführun gen, künstlerische oder populär - wissenschaftliche Ausstellungen. (Das letzthin von einigen Schulen angewandte Erziehungsmittel, die Schüler in den Ferien bei der Landarbeit helfen zu lassen, ist das einzige, das in eine andre als die wissenschaftlich-ästhetische Richtung weist.)

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