Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Erziehung der zweiten Generation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 320 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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320 Bemerkungen: Die Erziehung der zweiten Generation tigsten Abteilungen der europäischen Kultur) einführt, aber gleichzeitig Kunst und Wissenschaft nur als Hilfsmittel zum Dienst an der Gemeinschaft betrachtet — Hilfsmittel, denen andre, nicht geistige, an Wert durchaus ebenbürtig, zuzeiten sogar überlegen sein können. Eine solche Schule wird dem Schüler die Richtung auf Weiterbildung in Europa nicht nehmen, aber sie wird ihn warnen, in dem, worauf sie ihn hinweist, einen Selbstzweck zu erblicken. Sicherlich ist In einigem Maße diese Richtung auch bisher in palästinensischen Schulen verfolgt worden, aber es hat sich eben gezeigt, daß entweder die Warnung vor Europa, der Hinweis auf die palästinensische Gemeinschaft nicht stark genug war, oder daß aus andren Gründen für einen allzu großen Teil der palästinensischen Jugend diese Methode das Hängenbleiben an Europa nicht verhindern konnte. Sie ist auch nur möglich bei einer seelischen Hochspannung, wie sie in der ersten, der Chaluz- Generatlon der in Palästina Eingewanderten vorherrscht — bei der zweiten Generation ist sie ein Wagnis, indem sie diese zu allen materiellen und geistigen Opfern bereite Hochspannung als einen Dauerzustand voraussetzt, dem keine Verlockung europäischer Kultur etwas anhaben kann. Der zweite Weg zur Erziehungsreform ist der, welcher den jungen Menschen überhaupt von Europa ab- und zu einer anders gestalteten Kultur hinlenkt. Für den, der diesen Weg zu beschreiten bereit ist, ergibt sich sofort die Erkenntnis, daß es zwar eine ethische Tendenz typisch jüdischer Prägung, aber noch keine unabhängige jüdische Kultur gibt, keine jüdische Wissenschaft, keine jüdische Kunst, kein jüdisches Gewerbe, allenfalls nur der Beginn von Gesellschaftsgesetzen eines jüdischen Gepräges. Nach dieser Erkenntnis bliebe uns vielleicht in der Einsicht, daß die Juden ein Volk des Orients sind, das Judentum ein Teil der orientalischen Geisteswelt ist, der Ausweg, in unsrer Jugenderziehung Anschluß an die Kultur des uns umgebenden orientalischen Volkes zu suchen. Da aber zeigt es sich, daß das uns umgebende Arabervolk eine nur so gering ausgebildete eigne Kultur besitzt, daß von einer Anlehnung an sie keine Rede sein kann. Keine arabische Wissenschaft, keine oder höchstens eine erstarrte und nicht wieder zum Leben erwachte arabische Kunst, eine für uns unbrauchbare Ethik; statt alles dessen — deutlichstes Eingeständnis des selbsterkannten Mangels! — das Streben, sich in englischen Schulen und mit allen Hilfsmitteln englischer Zivilisation innerlich und äußerlich den englischen Europäern, auszugleichen. Für den also, der ernsthaft davon überzeugt ist, daß die neue jüdische Kultur nur durch eine vollständige Abkehr von der europäischen erstehen kann, bleibt vielleicht keine andre Wahl als die, in seinen Kindern den Weg der wissenschaftlich-ästhetischen Kultur zurückzuschreiten bis zu einem Punkte, auf dem noch neue Wege möglich sind, und der Jugend nur das zu vermitteln, was sie unmittelbar zur Erfüllung des neuen jüdischen Ideals — des Ideals der körperlichen Arbeit und der gerecht verteilten Lebensgüter — tüchtig macht. Diese Anschauung äußert sich heute vielfach in Palästina, und aus ihr ergibt sich die Forderung eines neuen Schultyps — einer Art von D or f s chule mit vorwiegend technischem Unterricht, der an den Geistesschätzen Europas vorbei und direkt auf die Pionierarbeit in Palästina hinführt. In konsequenter Fortführung dieser in sozialem Geiste gewählten Richtung sollte der Besuch einer zu Wissenschaft und Kunst erziehenden Schule, auf der Basis einer Prozentnorm, nur Einzelnen, die den Nachweis besondrer Fähigkeiten liefern müßten,, freistehen. Beide Wege sind schwer für uns, die aus ganz andren Bildungsidealen hervorgegangen und von den Gipfelpunkten europäischer Kultur noch erfüllt sind. Es ist nicht jedermanns Sache, das, was uns selbst eine Veredelung unsres Wesens gegeben hat: Dantesche und Goethesche Verse, Kantsche ■Definitionen, Beethoverische Symphonien nur als ein. Mittel zum Zweck weiterzugeben, das — wenn die Gemeinschaft minder geistige Mittel verlangt — jederzeit fortgeworfen werden muß. Aber noch schwerer ist es, das ganze Reich europäischen Wissens und europäischer Kunst, dem wir unser geistiges Sein verdanken, von vornherein unsren Kindern zu verschließen. Ohne zu