Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Weib des Akiba
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 308 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Moritz Heimann: R. Oamliel: So sorgst du meine Sorge. Und so wirst du verstehen, wenn ich dir sage, daß ich, entgegen meinem Herzen, Gott ist mein Zeuge, nicht oft, nicht immer milde sein kann; ja und ich wundere mich, daß du es bist, mehr als die andern noch. Und darum zweifle ich an dir, Akiba, und begehre zu wissen, wer du bist. R. Akiba: Ich bin hierher gekommen nach Jabne, vor über elf Jahren, unwissend und roh, und habe meine schweren, ungefügen Glieder zwischen zarten Jünglingen niederhocken lassen, die, ob meiner Unwissenheit, lachen durften. Wie hätte ich nicht sollen bescheiden sein! Nachum ben Gimso war mein Lehrer, dessen liebliches Wort mir oft das Herz getröstet hat: alles zum Guten, es dient uns alles zum Guten. So habe ich mich gewöhnt, gegen keinen Widersacher mich ganz und gar zu empören, und habe gekaut an dem bittern Holz, bis es seine Süße gab. Ein Knabe hat mich ehemals genannt den Wilden vom Feld; du nennst mich milde; und euch beide verstehe ich nicht, was ihr sagt. Gilt es denn mich auf dieser Welt? Ist es wert, zu wissen, wer ich bin? Gott zu erkennen, sind wir geschaffen. R. Oamliel: So hat sich Gott ein Werkzeug in dir bereitet. Wie aber wird es wirken? Du hast ein hochverdienstliches Werk begonnen und sammelst die Sätze der Meister in ihre Bezirke, und ordnest sie nach der Zahl, so daß die Schüler es leicht haben werden, sie zu lernen. So wird die Lehre, wie ein Schatz in einer Truhe, bewahrt; aber schlichtet das den Streit, wie sie gelten soll? Läßlich und nachsichtig und bequem ist Rabbi Josua. R. Akiba: Darum ist Gefahr in seiner Lehre; denn wer vom Abhang rollt, rollt immer schneller. R. Oamliel: Elieser hält fest an der Ueberlieferung und duldet nicht, daß Fremdes hinzukomme. R. Akiba: Gefahr auch hierin. Zum Schatten wird alles, was nur im Gedächtnis und nicht im lebendigen Sinne bleibt. Der Sinn ist wie ein Strom, der neues Wasser bewegt zu seinem Ziel. R. Oamliel: Gut, Akiba. Also nicht dieser und nicht jener; also nicht hier so und dort so. Neue Wasser, neue Lehren. Wie aber vermeide ich die Unfruchtbarkeit der einen und die Willkür der andern? Darum darf es keine Entscheidung geben als durch die MehAieit im Rat. R. Akiba: Nicht immer sind die Meister alle versammelt im Synhediium nicht immer sind die Weisesten und Besten darin. R. Oamliel: Sollte auch einmal ihr Beschluß nicht gut sein, — wenn er aber anerkannt wird, so wird er doch die Einheit wirken, Akiba, die dir das Höchste ist und mir. R. Akiba: Ist der Beschluß nicht gut, trägt er nicht die Wahrheit der Heiligen Schrift in sich, so wird man im Lande der Parther, der Aegypter und der Griechen fragen: was bringt man uns da? R. Oamliel (an seinen Fingern. aufzählend): Nicht der Lehrer und nicht jener Lehrer und nicht die Mehrheit ihrer Aller — wer also dann? Niemand