Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Weib des Akiba
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 306 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106744--5114-3106804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3o6 Moritz Hei mann: R. Akiba: Hiobs Anklage wird zum Lobgesang; und dieser Koheleth, den du verwirfst, zieht die Summe seiner Rechnung mit den Worten: fürchte Gott und halte seine Gebote, dieses nämlich ist der ganze Mensch. R. Elieser: Wer denkt, wenn er nur von weitem hört: Koheleth, an die wenigen Zeilen am Schluß? R. Akiba: Wer recht denkt. Wüst du Zeilen gering achten, während du jedes Wort, jeden Buchstaben, ja jeden Strich des Buchstabens mit frommem Sinn empfangen solltest? denn Alles ist von Gott, und so ist in Allem Alles. R. Elieser: Wie weiß ich, daß dieses von Gott ist? - R. Akiba: Wenn du anfängst, zu zweifeln, wo willst du aufhören? Besser, du lernst Unheiliges zum Heiligen deuten, als daß du das kleinste Stäubchen vom Heiligen versäumst. R. Elieser: Wohlan, so nenne mir die Zeilen, und wären es nicht mehr als Glieder an einem Finger, die heilig sind in dem andern Buch, um das wir streiten, im Lied der Lieder, dem Bräutigamsgesang vor der Hochzeit. (Akiba fährt zurück.) R. Oamliel: Keine Heftigkeit gebührt uns, Elieser, laßt sie uns aufschieben bis zur Versammlung. R. Josua: Eher werdet ihr dem Wolf das Lamm aus den Zähnen reißen als dem Akiba dieses Lied. R. Oamliel: Du liebst dieses Lied, sagt man? R. Elieser: Das ausgelassene! R. Akiba (steht auf): kabt ihr es nie gehört in euerm Herzen? Dreifach heilig ist es, wenn eine der Schriften heilig ist. Die Erde ist nicht würdig des Tages, an dem sie es empfangen hat. R. Elieser: Hüte dich vor Ketzerei! R. Akiba: Ehrwürdig ist mir dein graues Haupt, Elieser ben Hyrkanos. Aber hast du ganz deine Jugendzeit vergessen? Bist nicht auch du von den Feldern gekommen wie ich? Strömt nicht dieses Landes Kanaan, das der Herr uns verheißen und gegeben hat und nimmer nehmen wird, strömt nicht dieses Landes süßer Strom durch dein Herz, wenn das Lied klingt? Alle seine Berge und Täler, seine Weinstöcke und Anemonen, seine Triften und Wasserbäche sind darin. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die gelagert sind am Berge Gilead herab. Ich habe sie gesehen und werde sie nicht vergessen, die schwarzen Ziegen unsres Landes zwischen den Hügeln in der Herde ziehen. R. Oamliel: Was widerfährt dir? R. Akiba (ruhiger): Himmel und Erde klingen in dem einen, im selben Klang. Fühlt ihr es nicht, wer die Braut ist, von der es singt und ewig singt? Das Land Israel ist es, und Gott ist der Hirte, der Bräutigam. Dieses ist das Hohe Lied. (Er setzt sich.) R. Elieser (nach einer Pause): Wenn diese Auslegung wahr ist, um so schlimmer; so wird Mißbrauch getrieben damit.