Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Weib des Akiba
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 303 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106744--5111-3106801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Weib des Akiba 303 R, Qatnliel (in unverminderter Freundlichkeit): Du hast es schon gesagt, und ich erachte deine Ehre um so größer. R. Josua: Vielleicht habe ich heute eine große Sünde begangen, daß ich mit Alltagslast am Leibe und in den Händen über die Sabbatgrenze hinaus den Weg gemacht habe. Ist es aber ein Verdienst, daß ich mein Wissen geringer geachtet habe als deinen Befehl, so gebührt das Lob ihm, ihm, unserm Schüler vor kurzem und lange schon Meister, Rabbi Akiba. R. Oamliel (zu Akiba): Du hast mir Recht gegeben, wie ich den Tag des neuen Jahres ansetze? R. Akiba: Nicht darüber, Fürst, hatte ich zu entscheiden, als Rabbi Josua mich ehrte und meinen Rat einholte. Auch wenn ich dächte wie er, hätte ich geglaubt, daß er tun müßte nach deinem Geheiß. R. Elieser: Worauf gründest du eine solche Entscheidung? Und wenn es erwiesen wäre, daß Rabbi Josua richtig gerechnet hat, und nicht unser Fürst in Israel, Rabbi Gamliel, so würden wir Sabbatschänder sein und todeswürdige Sünder gegen Gott. R. Gamliel: Dem steht entgegen, daß mein Amt mich zum Herrn über die Bestimmung des Monatanfangs und des Jahresanfangs macht. Soll heute der und morgen jener dies und das erkunden und nach seiner Willkür meinem Gebote widersprechen? R Elieser: Deine Willkür ist nicht gottgefälliger als eine andre. Und bist du schon Herr über den Kalender, so bist du doch nicht Herr über das Gewissen. R Oamliel: Indessen ist mir geboten, zu gebieten; und wenn.ich irre, wie weiß ich, daß ich irre? Löset mir, ihr wissenden und frommen Männer, diesen Zwiespalt, daß ich nach Gottes Gebot einen Tag auf morgen ansetze, der nach Gottes Walten vielleicht schon heute in unsere Seelen leuchten müßte. R. Elieser: Es gibt hierüber keine überlieferte Lehre, und also ist deine Frage vorwitzig, und ich verweigere die Antwort. R. Oamliel: Dennoch hast du vorhin eine Antwort gegeben, nämlich als du sagtest, daß Josua nicht kommen würde. Denn damit hast du gesagt, daß du an seiner Stelle nicht gekommen wärest. Und wenn zwar keine überlieferte Entscheidung der Weisen, so hat der Trotz aus dir gesprochen. R* Josua: Noch eine andre Antwort hat Rabbi Elieser dir gegeben, Fürst, eine gute. Er hat dir gesagt, daß er deine Festsetzung anerkennen würde, aber darüber hinaus nicht gekränkt werden dürfte in seinem Gewissen. R. Oamliel: So weißt du doch nicht, weshalb du hier bist. Sprich, Akiba. R. Akiba: Mein Meister, Rabbi Josua, hat einmal gesagt, daß die Lehre nicht für die Engel und nicht für Gott gegeben ist, sondern für die Menschen. Die Sonne fährt aus ihrem Feld und wandelt die Bahn vom Aufgang bis zum Niedergang, die Sterne kreisen in den Nächten und in den Jahren, und der Mond findet zwischen ihnen seine Spur. Gott hat ihnen so geheissen. Uns hat er befohlen, das Gute zu tun, und auch unsern Wan-