Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Weib des Akiba
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 301 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Weib des Akiba 301 R. Blieser: Zuweilen, Gamliel, regt sich in dir das königliche Blut deiner Ahnherren. Sie haben manchmal den Dienst des Tages, den Dienst jeglicher Stunde vergessen, R. Gamliel: Tadelst du mich, weil ich sanftmütig bin? Nach dem Vorbilde Hillels, der auch in der Reihe meiner Ahnen steht. Ich habe dich zum Zeugen hierher mitgenommen, daß ich nicht milde bin, wo ich nicht darf. R. Elieser: Ich habe dich nicht getadelt, daß du milde seiest. R. Gamliel: Ich weiß, ich weiß, Elieser. Schlimmeres wirfst du mir vor. Du meinst, die Laune würfe mich hierhin und dorthin. (Er fährt sich mit der Hand über das Gesicht.) Grämen könnte es mich, daß du, meiner Schwester Mann, die mich kennt, mich nicht kennst. So auch wirst du mich jetzt mißdeuten. (Er richtet sich mit nervöser Energie auf, seine Sprache wird streng.) Erinnerst du dich, was geschehen ist, als ich, kraft meines Amtes, als eingesetztes Haupt des Synhedriums, den Tag des neuen Jahres festsetzte? Erinnerst du dich, daß Rabbi Josua mir widersprochen hat und anders rechnete? Siehe, morgen feiern wir den heiligen Versöhnungstag. Für ihn wäre er schon mit den Sternen des gestrigen Abends gekommen; für ihn ist heute der Tag ohne gleichen. R. Elieser (mit Zurückhaltung): Rabbi Josua hat tiefe Kenntnisse vom Lauf der Sterne. R. Gamliel: Wohlan, mag er rechnen nach seiner Weisheit; ich aber habe unsere heilige Zeit bestimmt, — und habe ihm gestern vor der Nacht den Befehl geschickt, heute, an seinem ausgerechneten Versöhnungstag, hier vor mir zu erscheinen mit seinem Reisestock, seiner Reisetasche und seinem Geldbeutel, hierher über die Sabbatgrenze hinaus; daß er den Alltag spüre ganz und gar. R. Elieser (erschrocken): Das war nicht milde, Fürst Gamliel, und sein Gewissen wird sich empören dagegen. Er wird nicht kommen. Gamliel: So würde ich ihn bannen mit dem dreißigtägigen Bann, nein, mit dem lebenslänglichen, kraft meines Amtes. R. Elieser: Und du kannst lächeln bei dieser Drohung? R. Gamliel: Warum sollte ich nicht? Ich sitze der Stadt zugekehrt und auf dem erhöhten Polster, und so sehe ich, was du nicht siehst, Rabbi Elieser: denn dort kommt er. R. Elieser: (steht auf und sieht zur Stadt hin): Ja, er ist es. R. Gamliel: Kannst du erkennen, wer ihn begleitet? Denn er bringt sich einen Zeugen mit herauf. Neben dem kleinen, dürren Mann ein großer, starker. Elieser: Es ist Akiba. /?. Gamliel: Gut, ich nenne ihn einen würdigen Begleiter. Warum verfinstert sich dein Gesicht, Elieser? Warum vermeidest du, mit ihm zu sprechen, der doch dein Schüler war? Man sagt, du habest ihn jahrelang nicht aufgefordert zum Vortrag,, auch als sein Ruhm schon groß war unter uns.