Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Weib des Akiba
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 300 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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3oo Moritz Heimann: folgreiches Studium getrieben hat. Darüber ist es Zeit für ihn geworden, nach Jabne zu ziehen, um die großen Lehrer und Meister des Synhedriums zu hören, und da es an Wegzehrung dazu, am Pfennig fehlt, schneidet Jaltha ihr reiches Haar ab, den einzigen Besitz, den sie darzubieten hat; der Prophet Elias, als ein Versucher der Menschen zu ihrer eigenen Kraft, hat ihr den freudigen Entschluß abgelockt. Dieses der Inhalt des ersten Aktes; seitdem sind ungefähr zwölf Jahre vergangen.) IL AKT Vierte Szene. Terrasse im Weinberg des Patriarchen Rabbi Gamliel, drei steinerne Bänke bilden ein Viereck mit offener Seite nach rechts. Der Platz wird von einem mächtigen Oelbaum, der hinter der linken Bank steht, beschattet. Diener kommen von rechts vorn, offenbar die Stufen in die Höhe, und bringen Polster und Teppiche. Sie belegen die Bänke damit, doch so, daß sie auf der linken Bank einen erhöhten Sitz herrichten. Während sie noch damit beschäftigt sind, erscheint der Patriarch, der sich mit dem linken Ellenbogen auf den Arm des Sklaven* Tabit stützt. Dieser führt den etwas blassen und müde eingesunkenen Herrn mit großer Sorgfalt, in der linken Hand trägt er eine Fußbank. Mit sichtlicher, wenn auch steifer Höflichkeit begleitet den Patriarchen auf der rechten Seite Rabbi Blieser, Der Patriarch läßt sich zu seinem erhöhten Sitz hinführen und von Tabit die Füße auf die Fußbank stellen, wobei er seine Hand auf den Kopf des Sklaven legt. Die Diener stehen respektvoll, auch Elieser setzt sich nicht, sondern stellt sich an der hinteren Bank auf. Tabit hat seinen Dienst getan und richtet sich auf. R. Oamliel: Es ist gut, ich danke euch. Ein schöner, schattiger Platz, Tabit, nicht wahr? Die Stadt unten wird zu dieser Stunde schon recht geplagt von der Sonne, aber hier ist es lieblich zu atmen. Tabit: Im ganzen Weinberg, Fürst, gibt es keine kühlere Stelle; es ist als ob dieser Oelbaum mit den vielen hundert Jahren seines Alters noch dichter schattete als mit seinen Blättern. R. Oamliel (blickt ihn freundlich an und nickt): Und immer trägt er noch Früchte; möchten wir alle sein wie er. Ihr könnt nun gehen; und du, Tabit, holst mich wieder, wenn dir das Zeichen wird. (Die Diener und Tabit ab.) R. Elieser: Du bist noch kaum von deinem Fieber genesen, Fürst, und machst den steilen Weg hier herauf. Sage mir nun, was ich dir hier soll. R. Oamliel: Hast du wohl gehört, Elieser, lieber Schwager, wie angenehm dieser Sklave, Tabit, den ich gekauft habe für Geld, von dem Oelbaum sprach? R. Blieser: Ich weiß mir keinen Sinn in seinen Worten, es ist wohl etwas von Heidenart. Aber du, Gamliel, liebst diese Rede in seinem Mund, da du doch sonst auf die Worte der Weisen hörst, und ich wundere mich darüber immer. R. Gamliel (lächelnd): Setze dich doch, Freund. (Elieser tut es noch nicht.) Sieh, ich höre gerne Weisheit aus dem Munde der Weisen und Torheit von den Lippen der Toren; aber Tabit ist kein Tor. R. Elieser (setzt sich): Doch ein Weiser ist er gewiß nicht. R. Gamliel: Wohl beides ist er nicht; aber, Elieser, gut ist er. Sieh an, gut; und ich liebe ihn; und es wäre mir gleich schmerzlich, ihn jemals zu verlieren, sei es an die Torheit oder an die Weisheit.