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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 295

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
295 (sequence 13)
Language
German
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Die jüdische Geschichtsschreibung 295 Erfassung der Prozesse eine recht glückliche Hand gezeigt hat. Die mit zäher Konsequenz durchgeführte stoffliche Gliederung in den beiden vom „Jüdischen Verlag" deutsch herausgegebenen Bänden, welche die Zeit von 1789—1881 umfassen, ist eine systematische Leistung ersten Ranges, der nur noch seine treffliche Art der Herausarbeitung von Antithesen (Aschkenasim- Sephardim, Orthodoxe-Reformer, Chassidim-Misnagdim) gleichgestellt werden könnte. Dubnows Arbeiten sind jedoch trotz verschiedener Vorzüge nur als eine bescheidene Etappe in der Entwicklung der jüdischen Geschichtsschreibung anzusehen, weil sie zwei Kardinalfehler noch nicht überwunden haben, nämlich erstens die ideengeschichtliche Betrachtung und zweitens den bis zur tendenziösen Entstellung ausgearteten, im Grunde nur eine Variante der Graetzschen Art darstellenden Pragmatismus. Ohne hier auf andere Richtungen in den Geschichtsanschauungen, welche auf jüdischem Gebiete nur wenige Vertreter gefunden haben wie die theokratische (Dorot harischonim von Isaak Halevy) und die materialistische (z. B. Kautskys Rasse und Judentum) näher einzugehen, da die Behandlung dieser u. E. absolut mißglückten Versuche zu weit führen würde, soll noch einiges über die Einseitigkeiten des historischen Idealismus gesagt werden, wie er uns bei Graetz und schließlich zum Teil auch bei Dubnow entgegentritt. Nach dieser Anschauung sind die einzigen die „Ideen" in der Geschichte realisierenden Kräfte die führenden Persönlichkeiten. Nicht die jeweiligen Zustände, sondern die Helden sind die-Motoren der Geschichte, ausschlaggebend ist nur das Individualpsychische, nicht das Sozialpsychische. Auf die jüdische Geschichte übertragen bedeutet das: Martyriologie und Literaturgeschichte als die beiden großen Gebiete, auf die sich schließlich alles reduzieren läßt. Die Folge war, daß das Verständnis für die Mannigfaltigkeit des Lebens fehlte, nur Fragmente aus der historischen Entwicklung geboten werden konnten, der intimere Zusammenhang der Geschichtsprozesse, die das isolierte Nebeneinander verknüpfen, verloren ging, der Blick nur an dem Einzelereignisse haftete und das Ineinanderfließen der Tatsachen nicht restlos erfaßt wurde. Der Fluß der Entwicklung ward nicht sichtbar, höchstens bildete das Chronologische noch eine Verbindung der Details. Hier ist allerdings auf ein Moment hinzuweisen. Die Galuthgeschichte enthält nicht in gleicher Art eine Kontinuität wie die Geschichte eines Volkes auf geschlossenem Territorium. Trotz der Tatsache der volklichen Verbundenheit der Gesamtjudenheit, .trotz der Bedeutung der gemeinsamen Tradition und der praktischen Uebung der Lehre, und obwohl die jeweilige Hegemonie verschiedener geistiger Zentren innerhalb der Gesamtjudenheit einen Konzentrationspunkt bildete, um den sich das gesamte jüdische Leben in gewissem Sinne drehte, rnuß man in der jüdischen Geschichte doch einen Partikularismus anerkennen und die Schicksale der Juden in den einzelnen Ländern als Ausgangspunkt wählen, weil die geschichtliche Kontinuität innerhalb der Landesgrenzen am besten verfolgt werden kann. Diese Tatsachen erklären das Kaleidoskopartige, das in der jüdischen Geschichte für den Außenstehenden zu liegen scheint.

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