Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 294 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Josef Meisl: Ohne auf die mit diesen Theorien zusammenhängenden Fragen und zahlreichen Einzelprobleme näher einzugehen, und ohne manche Uebertreibungen, insbesondere in Lamprechts Geschichtsanschauung, zu verkennen, wollen wir feststellen, daß die jüdische Geschichtsschreibung von den Fortschritten der allgemeinen Historiographie bisher blutwenig profitiert hat. Selbst Dubnow kann nicht ohne weiteres als Ausnahme gelten, es sei denn, daß man bereit ist, politische Geschichtsschreibung als einen Fortschritt anzusehen, was wohl bedingungslos nicht der Fall sein dürfte. Dubnow ist das Muster eines politischen Geschichtsschreibers. Aus seiner nationalen Einstellung, aus seiner Auffassung von dem jüdischen Volk als „einem geistigen Individuum" und der jüdischen Geschichte als „vergeistigter Geschichte" betrachtet er die historischen Vorgänge, um auf seine Leser mit seinen politischen Anschauungen zu wirken. Ohne Zweifel kann auch diese Art der Geschichtsschreibung ungemein interessant und lehrreich gestaltet werden, was Dubnow, diesem vortrefflichen Erzähler, sicherlich in beträchtlichem Maße gelungen ist, ohne Zweifel wird man die Vorzüge dieser Darstellung gegenüber seinen Vorgängern anerkennen, wie dem vor dem Odium eines übereifrigen Apologeten der Juden ängstlich besorgten Jost, dem von krassester Einseitigkeit der Auffassung erfüllten und in seinem Kulturdünkel für tausend Fragen (Ostjudentum, Mystik) verständnislosen Graetz oder dem von dem Emanzipationsidol hypnotisierten Philippson, und man wird vielleicht mit vielen seiner Bewunderer zugestehen, daß es hoch an der Zeit war, die Geschichte der Juden in nationaler Auffassung und weniger in der konfessionellen Verdünnung darzustellen. Gleichwohl wird man aber bei aufmerksamer Prüfung sagen müssen, daß es einem Historiker doch eigentlich nicht passieren sollte, bei aller ihm zuzubilligenden Freiheit der Stellungnahme zu den Geschichtsereignissen, statt die Dinge aus sich heraus zu begreifen eine Betrachtungsweise wie die, ob vom Standpunkt. des nationalen Juden etwa die Emanzipation oder Napoleons Auftreten oder die materialistische Geschichtsanschauung wünschenswert erscheint oder nicht, in den Vordergrund zu rücken. Nicht um die viel mißbrauchte „Objektivität" handelt es sich, sondern um die Vermeidung von Fehlern, die etwa Treitschke passierten und denen Dubnow nicht ganz entgangen ist. Dazu kommt noch ein anderes Manko. Dubnow ist noch immer allzusehr ideengeschichtlich orientiert. Er steht zwar, wie es scheint, nicht ganz fern dem Begreifen des ökonomischen Faktors. Aber seine jüdische Geschichte ist im Grunde genommen auch nur die Resultante der politischen und geistigen Komponenten. Menschen sind ihm nur Repräsentanten von Ideen, was für die psychologische Vertiefung naturgemäß hemmend wirkt, und auch die Zustände werden nur nach ihrer ideengeschichtlichen Bedeutung gewertet. Freilich, der Umstand, daß Dubnow der Betrachtung des Zuständlichen in der Politik und ini Geistesleben ein intensiveres Augenmerk als seine Vorgänger gewidmet hat, bedeutet einen Fortschritt, wie 6r überhaupt in der Systemisierung, in der