Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 296

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
296 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106742--5100-3106794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

296 Samu.el Rappaport: Indes sind diese Dinge zum Teil nur nebensächlicher Natur. Entscheidend Weiht die Frage: Was hat die jüdische Geschichte darzustellen? Darauf kann es nur eine Antwort geben: das ganze Leben des jüdischen Volkes in allen seinen Aeußerungen. Will man aber dies ernstlich, dann darf man die Geschichte nicht mehr so darstellen, als wäre sie von einigen Machthabern auf der einen, von literarischen Persönlichkeiten auf der anderen Seite „gemacht" worden. Ohne die Bedeutung der Persönlichkeit, des individuellen Willens in der Geschichte zu leugnen und zu verkennen, muß man vor allem den Blick auf die Erfassung des Zuständlichen richten und dabei die Alltäglichkeiten, die man sonst ignoriert, die Gasse, den Wandel der Namenlosen in die*Betrachtung einbeziehen. Denn diese sind es, welche die Basis für das Verstehen des Ungewöhnlichen, der Ausnahme bilden. In unendlich mühsamer, entsagungsvoller Arbeit wird man alle Gebiete des Volkslebens: Wirtschaft, Familie, Staat, Sprache, Wissen, Glauben, Moral, Recht, Kunst, in ihren typischen Erscheinungen zu erfassen suchen müssen, um aus ihnen heraus die Entwicklungstendenzen zu ziehen. Diese schwierige und tiefschürfende Vorarbeiten voraussetzende Aufgabe steht noch bevor. In welcher Weise sie gelöst werden könnte, soll eine besondere Abhandlung über Ziele und Aufgaben einer modernen jüdischen Geschichtsschreibung vorbehalten bleiben. SAMUEL RAPPAPORT /AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN VI. Krankkeit 3. Bräuche gegen Krankheit C. Auslösen Beten ist einer der gewichtigsten Faktoren, durch die das Erbarmen Gottes und das Wenden eines bösen, bereits verhängten Geschicks bewirkt werden kann. Allein das Beten an und für sich bedeutet zwar die aufrichtige Äußerung des Willens zur Einkehr und Besserung, aber noch nicht deren praktische Betätigung und wirkliche Kundgebung. Das Beten ist der Ausdruck des Willens zur guten Tat, jedoch noch nicht die Tat selbst. Soll das aufrichtige und ernst gemeinte Gebet, sowie der in ihm sich manifestierende gute Wille in die Erscheinung treten, dann muß er unter anderem gleichzeitig auch von einer der Haupttugenden des Menschen, von der „Zeddakah" d. h. vom Wohltun begleitet sein. Das Wort „Zeddakah" heißt wörtlich „Gerechtigkeit«. Unter Zeddakah ist jedoch keineswegs Gerechtigkeit etwa im Sinne eines formalen rechtlichen Handelns zu verstehen; dafür hat der Hebräer den Ausdruck „Mischpat". Zeddakah heißt in seiner eigentlichen Bedeutung: das ethische Recht der Menschenliebe. Im Talmud ist oft der Begriff Zeddakah mit tiefer und werk-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.