Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 293 (sequence 11)
- Language
- German
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Die jüdische Geschichtsschreibung *93 Geschichtsschreibung um ein großes Stück gefördert. Dagegen ist in der Methode theoretisch und praktisch kein wesentlicher Fortschritt erzielt worden, und die Grsetzsche Schule steht heute noch in voller Geltung in der zünftigen Gelehrtenwelt, obwohl die allgemeine Geschichtswissenschaft auch hierin weit über Ranke hinaus sich entwickelt hat, hauptsächlich durch zwei Richtungen, nämlich die politische Geschichtsschreibung und die Kulturgeschichte. Die politische Geschichtsschreibung (Droysen, Sybel, Treitschke u. a.) will die wandelbaren politischen Ideale als Ergebnis der geschichtlichen Ereignisse zeigen und aus der Entwicklung des politischen Denkens Grundsätze ableiten, die, ähnlich den Naturgesetzen, für alle Zeiten Geltung haben sollen. In gewissem Sinne, insbesondere durch ihren lehrhaften Charakter, bedeutete diese Richtung einen Rückfall in alte Methoden, und es liegt auf der Hand, daß sie zu Einseitigkeiten führen muß. Den Begriff der Kulturgeschichte hat schon Ranke gekannt, indem er den Gegensatz zur Staatengeschichte durch die Erklärung der staatlichen Primats zu überbrücken suchte. In einem anderen Sinn, nämlich als Oberbegriff, innerhalb dessen der Staat als Bestandteil der Kultur erscheint, ist die Kulturgeschichte von Jakob Burckhardt und Karl Lamprecht aufgeführt worden. Während Burckhardt durch die Schilderung bestimmter Vorgänge oder der Charakterisierung führender Persönlichkeiten zu allgemeinen Schlüssen über die zeitgenössischen Bestrebungen, Ziele und Methoden der Politik zu gelangen oder einen Gesellschaftstypus zu finden sucht, in welchem die Grundzüge seiner Zeit in besonders drastischer Weise vereinigt erscheinen (so spricht er von einem heroischen, kolonialen, agonalen, hellenischen, piratischen, modernen Menschen als Repräsentanten gewisser Kulturzustände), weist Lamprecht den Weg zu einer universellen Auffassung durch Einbeziehung aller Lebensäußerungen, die sich „im Strom der Zeit vollziehen". Der Staat ist nicht, wie Ranke lehrte, das allumfassende Gebilde im Völkerleben, vielmehr ebenso wie Kunst, Literatur oder Wissenschaft „eine der Erscheinungsformen des allgemeimen sozialpsychischen Lebens". Mit Hilfe der von Wundt ausgebildeten Psychologie, insbesondere der Unterscheidung zwischen Individual- und Sozialpsychologie gelangt Lamprecht zu der These, daß innerhalb eines Kulturzeitalters durch bestimmte Richtungen in der psychischen Betätigung bestimmte Inhalte psychischer Art sich nachweisen lassen, welche das individuelle und nationale Leben einheitlich beherrschen. Dieses Seelenleben der mit einander verknüpften Menschen ist als der eigentliche Träger der Geschichte anzusehen; die Entwicklung vollzieht sich durch das stete Emporkommen neuer Richtungen, „neuer seelischer Lebensordnungen" oder »Dominanten". Nicht die heroischen Taten sondern die Zustände sind die schaffenden Kräfte der einzelnen Epochen, der Kulturzeitalter, die Lamprecht in der deutschen Geschichte in fünf Gruppen (symbolisch, typisch, konventionell, individualistisch, subjektivisch) teilt und gleicherweise auch in der Geschichte anderer Völker konstatieren zu können glaubt.