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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 292

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
292 (sequence 10)
Language
German
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292 Josef Meisl: Da diese Geschichtsschreibung die Tatsachen des Wirtschaftslebens übersah oder einfach nicht kannte, konnten mir Ausschnitte aus der jüdischen Geschichte, keineswegs ein vollständiges Bild gewonnen werden. Jede Abweichung von seinem Schema betrachtete Graetz als unnatürliche Korrektur der in der jüdischen Geschichte wirksamen Prinzipien. Da er den Rabbinismus als die gerade und natürliche Entwicklungslinie ansah, so schienen ihm die Pharisäer fortschrittlicher als die Sadduzäer, das rabbinische Judentum höher stehend als das karäische oder als die Kabbala und Mystik bis zum Chassidismus, ganz zu schweigen von der Reformbewegung, die er als gänzlich unberechtigte Abirrung ablehnte. Und da auch das osteuropäische Judentum in seiner geschichtlichen Entwicklung andere als die vorgezeichneten Bahnen, die die Weltanschauung des westeuropäischen Historikers als normal betrachten mußte, durchlaufen hatte, so stand er zahlreichen Problemen, die dieser Teil der jüdischen Geschichte aufwarf, rat- und hilflos gegenüber. Und so blieb er hier ganz an der Oberfläche der Dinge haften, weil er in seinem seelischen Untergrund über die philisterhafte Durchschnittseinstellung des deutschen Juden nicht hinauskonnte, der in seinem saturierten Kulturdünkel auf den „Polaken" herabblickt. Wenn nun das Leben gegen alle Kritik entschieden hat und Graetz das bis heute einzige Lehr- und Lesebuch der jüdischen Geschichte geschaffen hat, welches das Volksleben beeinflußte, so lag das an Gründen, die auch bei der kritischen Betrachtung seiner Leistung nicht übersehen werden dürfen. Graetz war der erste jüdische Historiker, welcher die Geschichte der Juden als die Geschichte eines Volksstammes auch in der nachexilischen Zeit dargestellt hat, der aus eigenstem Mitempfinden und Miterleben, vielleicht oft aus nationalem Egoismus, die Dinge in apologetischer Beleuchtung erblickend, aber doch nicht mehr wie Jost durch die christlichen Vorurteile beeinflußt die Entwicklung des Judentums betrachtete. Diese Anschauung mag nicht immer mit Wissenschaftlichkeit und Wahrheit vereinbar sein, Schönfärberei und Maskierung der Tatsachen bewirken, an große Männer und Probleme oft einen etwas kleinen und beschränkten Maßstab legen und den Jüdischen Patrioten Graetz weiten Kreisen der deutschen Judenheit als „Typus des Palästinensers" (Hermann Cohen) unsympathisch erscheinen lassen, das kann nichts an der Tatsache ändern, daß Graetz' Lebensarbeit trotz ihres sehr anfechtbaren inneren Wertes einen der bedeutungsvollsten, bisher wohl den bedeutungsvollsten Abschnitt in der jüdischen Historiographie repräsentiert. III. Neuere Geschichtssysteme. Kritik des historischen Idealismus. In stofflicher und methodischer Hinsicht war auch nach Graetz so gut wie alles zu tun. In der Tat setzten die intensivsten Bestrebungen zur Sammlung, Ergänzung und Berichtigung des Materials ein, und was seitdem von einzelnen Gelehrten und wissenschaftlichen Unternehmungen* an entsagungsvoller Kleinarbeit geleistet worden ist, hat sicherlich die jüdische

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