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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 291

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
291 (sequence 9)
Language
German
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Die jüdische Geschichtsschreibung 291 welcher sein Verfasser mit den Begriffen Staat, Religion, Nation operiert, den H^gel-Rankeschen Einfluß, so tritt dies in späteren Formulierungen des Wesens der jüdischen Geschichte noch klarer hervor. Wir erinnern hier nur an die bekannte Charakterisierung der talmudischen Epoche im vierten Bande des Geschichtswerkes. Dort versucht Graetz die in diesem Bande behandelten Ereignisse auf die Formel Geistes- und Leidensgeschichte — Forschen und Wandern, Denken und Dulden, Lernen und Leiden zurückzuführen, was seiner ganzen Auffassung vom Wesen des Judentums durchaus entspricht. Hätte Ranke jüdische Geschichte geschrieben, er würde seiner Geschichtsanschauung nach sich wohl kaum wesentlich anders ausgedrückt haben. Die zentrale Bedeutung der religiösen Vorstellungen und Gedanken im Judentum, die Konzentration auf den Talmud, überhaupt die ganze Einstellung des jüdischen Menschen auf das Geistige — all das ließ sich ohne Schwierigkeiten und ohne Künstelei mit Hilfe der Rankeschen Darlegungen über die Stellung der Religion im Völkerleben und über die „Ideen" erklären. Was ferner Ranke über den menschlichen Fortschritt, über das Fortleben von Kulturen solcher Völker, die ihre politische Selbständigkeit eingebüßt haben, ausführt, konnte der jüdische Historiker leicht aus der Geschichte seines eigenen Volkes ableiten. Sie bot weiter ein charakteristisches Beispiel für die „Modifikation des nationalen Daseins" durch Staat und Kirche. -Die Rankesche Definition der Nation entsprach wenigstens in dem ursprünglichen Sinn einer durch Sprache, Religion und Glauben an gemeinschaftliche Abstammung verbundenen Gesamtheit durchaus dem von Graetz in Uebereinstimmung mit der jüdischen Wirklichkeit vertretenen Volksbegriff, Und schließlich ergab sich durch die religiöse Orientierung der beiden Historiker — des gläubigen Christen und des gläubigen Juden — ein letzter Berührungspunkt in der Zurückführung alles geschichtlichen Geschehens auf eine lenkende Kraft, auf Gott. Ebenso wie nach Rankes staatengeschichtlicher Auffassung die zünftige Geschichtsschreibung Kriege und Friedensschlüsse, die großen Taten und die großen Männer als den Inhalt, den spezifischen Gehalt der Geschichte ansah oder mit anderen Worten nur die Ausnahme, das Besondere in ihren Betrachtungskreis zog, so war auch die von Graetz beeinflusste jüdische Geschichtsschreibung nur auf die Betrachtung des Nicht-Alltäglichen abgestellt. In ihr spielen deshalb die tragischen Höhepunkte des Judentums, die Verfolgungen, Vertreibungen und Entrechtungen, kurz das Martyrium in seinen verschiedenen Formen auf der einen Seite, das auf die literarische Produktion konzentrierte Geistesheroentum auf der anderen Seite die Hauptrolle. So bildete nicht die Summe der mannigfachen Lebensprozesse des jüdischen Volkes den wesentlichen Inhalt der jüdischen Geschichte, sondern dieser erschien als Resultat gewisser politischer und sozialer Erscheinungen, welche auf dem Leben der Juden lasteten, anders ausgedrückt, der jüdischen Passivität sowie der spezifisch jüdischen Geistigkeit.

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