Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 289

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
289 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106742--5093-3106787
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die jüdische Geschichtsschreibung 289 zusammengestellt werden, die Tatsachen nicht ineinander greifen, flüchtige Einfälle sich einschleichen, mit Personen und Dingen nach Gutdünken umgesprungen wird, trotz allen Strebens, die leitenden Bewegungen und Gedanken festzuhalten. Aber nicht auf dies alles kommt es an, sondern darauf, daß der wesentlichste Mangel des Werkes in einer falschen Einstellung liegt. Das wird einem schon durch eine Analyse der Programmschrift „Konstruktion der jüdischen Geschichte" (1846) klar, die Graetz dem Erscheinen seiner Geschichte vorangehen ließ. In dem Gegensatz zwischen Judentum und Heidentum oder Geist und Natur habe sich das Judentum nicht allein negativ durch Bekämpfung des Heidentums sondern auch positiv durch Entwicklung der zur Staatsidee gewordenen Gottesidee betätigt. Judentum bedeutet dabei im eigentlichen Sinne nicht Religion sondern „ein Staatsgesetz". Der Monotheismus sei nicht das primäre Prinzip des Judentums, sondern ein Negativum, das erst einer positiven Ergänzung durch die Volkssubstanz und Staatsverfassung bedurfte. So steht die Religion auf der einen, Staat und Kirche auf der anderen Seite. Dieser Gegensatz von Religion und Politik führt zugleich zu einer Teilung der Geschichte in zwei Hälften und in drei Perioden, deren jede wieder drei Phasen enthält. Nach Grsetz wäre etwa folgendes Schema zu entwerfen: I. Hälfte: Träger der Geschichte sind politische Bürger, Kriegshelden, Könige „mit geringem religiösem Anflug". A. Erste Periode von der Urzeit bis zum babylonischen Exil, Periode der „Volksnatürlichkeit" und der sich „zur Realität ringenden Gottesidee". 1. Erste Phase: Kampf mit dem Heidentum, das religiöse Moment tritt hinter dem politisch-sozialen zurück. 2. Zweite Phase: Samuel und die Prophetenschule, stärkere Geltung des religiösen Moments, aber nochUeberwiegen des sozialen. 3. Dritte Phase: Bis zur Reichsteilung, vollständiger Sieg des religiösen über das soziale Moment Der messianische Prophetismus. II. Hälfte. Träger der Geschichte sind fromme Männer, Weise, Lehrer, Schüler, Sektierer. B. Zweite Periode: Bis zur Zerstörung des zweiten Tempels, Durchdringen des religiösen Moments, der geistigen Natur des Judentums. 1. Erste Phase: Die Zeiten Esras und der Männer der großen Versammlung, Konsolidierung der Religion. 2. Zweite Phase: Der Hellenismus, durch dessen Besiegung dem religiösen Moment ein neuer Mittelpunkt und eine Trägerschaft erwachsen. 3. Dritte Phase: Parteispaltung, Pharisäer, Sadduzäer, das Synhedrion, Jesu von Nazareth — Jochanan ben Sakkai. C. Dritte Periode: Die Diaspora, theoretische Spekulation, Ausbau der Lehre. 1. Erste Phase: Aufzeichnung des Schrifttums, Entstehung des Talmuds sowie der Lehrstätten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.