Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 288 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Josef M ei sI: II. Rankes Einfluß auf die jüdischen Historiker. Leopold von Rankes Geschichtsphilosophie war in wesentlichsten Teilen dem Hegelianismus entnommen, ohne immer den Zusammenhang mit ihrem Ursprung zu wahren. Die Ideenlehre, die Ansicht über die Bedeutung des Staates und der Individuen usw. kehren bei Ranke wieder. Seine Geschichtsphilosophie war u. a. von dem Begriffe der Religion, dem höchsten, das Völkerleben und „den Geist der Landesverfassung" bestimmenden Motive ausgegangen. Mit dem Begriff der Religion steht der in dem Hegeischen System so geläufige Begriff der Ideen in engster Verbindung, der von Ranke in verschiedenem Sinne gebraucht wird. Bald spricht er von eingeborenen Ideen, die das geistige Leben der Menschen beherrschen, „antreibende und regelnde Faktoren im Geistesleben der Menschheit" sind, bald von Ideen als Ergebnis der menschlichen Produktion, bald von den durch Staat und Kirche repräsentierten Ideen, bald von den Kulturgemeinschaften „als objektiven Ideen", als Ideen, die das Leben des menschlichen Geschlechtes in sich tragen. Schon der Begriff der Ideen in seiner mannigfachen Deutung mußte für eine soziologischer Vertiefung und Schulung entbehrende Betrachtung der jüdischen Geschichte, die als Ideengeschichte kat exochen angesehen werden konnte, besonders verwendbar erscheinen, wenn man an Martyriologie und Gesetzesstudium dachte. Aber auch andere, von Ranke verwendete Grundbegriffe, wie Staat und Kirche als Repräsentanten zentraler Ideen, die Stellung des Individuums innerhalb ihrer Grenzen, seine Anschauungen über das Walten göttlicher Macht in der Geschichte, konnten in der Rankeschen Formulierung leicht auf die jüdische Geschichte umgedeutet werden, so daß man, von gewissem Standpunkt betrachtet, wähnen konnte, Ranke hätte aus der Geschichte des jüdischen Volkes manchen seiner Gedanken abstrahiert. Zu welchen Konsequenzen eine solche Betrachtungsweise führt und welche einseitige Einwirkung sie auf die jüdische Historiographie üben mußte, dafür legt Graetz' elf bändige „Geschichte des jüdischen Volkes" ein sprechendes Zeugnis ab. Wir müssen hier auf eine nähere Analyse dieses Werkes verzichten und uns auf eine Bilanz der Grsetzschen Lebensarbeit beschränken. Aöußerlich betrachtet, wäre etwa zu sagen: Graetz hat seine Vorgänger in der Herbeischaffung, zum Teil auch in der Bearbeitung des Materials ubertroffen, er hat viele Quellen neu entdeckt, alte in neuer Beleuchtung gezeigt, durch einen vorahnenden Instinkt Zusammenhänge konstruiert, das nichtjüdische Schrifttum zum Vergleich und zur Erklärung herangezogen, den Talmud in großzügiger Weise historisch ausgenutzt, eine Unzahl von Problemen aufgeworfen und der künftigen Forschung Bahnen gewiesen. Auf der anderen Seite muß betont werden, daß Graetz nur Drucke und wenige Handschriften kannte, viele bedeutungsvolle Quellen nicht zur Verfügung hatte, die Bedeutung der Responsenliteratur nicht kannte, so daß, rein stofflich, sein Werk nur Auszüge aus der Geschichte der Juden darstellt, die Ereignisse oft willkürlich