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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 287

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
287 (sequence 5)
Language
German
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Die jüdische Geschichtsschreibung 287 Weise eine Entwicklung der hebräischen Kultur aufgezeigt. Insbesondere hat die von Krochmal angewandte evolutionäre Methode ein klares Bild von der ununterbrochenen Entwicklung der mündlichen Lehre gegeben. Der ideelle Zusammenhang der mündlichen Lehre mit dem Gnostizismus, die Lehre als vielhundertjähriges Produkt eines historischen Prozesses, die Gebräuche als Ergebnis einer kontinuierlichen Entwicklung des religiösen Gedankens von den primitiven Vorurteilen und unklaren Bestrebungen bis zur höchsten Aufgabe der Religion, nämlich „zu ergründen die absolute Wahrheit, die primäre Ursache und alles, was nur in ihr Wirksamkeit, Realität hat" — dies alles ist von Krochmal mit tiefem historischen Blick dargestellt worden, um zu zeigen, daß der Zeremonialkultus nicht bloß Mittel der Normierung und Heiligung des Lebens, sondern der wahre Reflex der Volksseele gewesen ist, daß mit der Verfeinerung und Entwicklung des Gottesbegriffes auch der Kultus verfeinert und vertieft wurde und die Religionsphilosophie eine höhere Stufe im Verhältnis zur reinen Kultreligion darstellt. Wie Krochmal in der Synthese, so hat S. L. Rappaport in der Analyse fruchtbringend auf die jüdische Geschichtsschreibung gewirkt. Auch in seinen Schriften, besonders in den Biographien, kommt der Hegeische Einfluß zu deutlichem Ausdruck, schon darum, weil Rappaport fast keine seiner größeren Arbeiten ohne vorherige Fühlungnahme mit Krochmal verfaßt hat. Die Männer, deren Leben er geschildert hat, gelten ihm als Träger der Ideen des Judentums, d. h. einer Gedankenwelt, die auch in Zeiten geistiger Finsternis das Entwicklungsprinzip nicht verleugnet, die freie Erkenntnis gepflegt und gehütet hat. Auch S. D. Luzzato hat bei aller sonstigen Verschiedenheit seines Geistes und Schaffens doch das eine mit Krochmal und Rappaport gemeinsam, daß der Gedanke der Verknüpftheit zwischen Literatur und Leben, der Beeinflussung des Geschichtsganges durch die Ideen seine Arbeiten durchzieht. So hat Luzzato unter diesem Gesichtswinkel den Gegensatz zwischen Hellenismus und Judentum gesehen, so hat Rappaport Aggada und Piut als Früchte des Volksgeistes und der nationalen Seele gezeigt, indem die Aggada auf dem Boden der Prophetie erwuchs und den Piut erzeugte, beide aber Kinder des gleichen Geistes, Produkte einer Kultur geworden sind, in welcher Wissenschaft und Poesie, Gefühl und Logik sich paaren, und ebenso hat Krochmal die großen Entwicklungsstufen des Judentums gezeichnet. Die Anwendung des Evolutionsprinzips und des philosophischen Idealismus Hegelscher Färbung schuf die innere Verbindung zwischen diesem Dreigestirn. & Diese Hegelschüler haben auf das geschichtliche Denken der jüdischen Wissenschaft, nachhaltigen Einfluß geübt, welcher sogar bei Männern, denen philosophische Vertiefung nicht groß war und die mit fast chronikartiger Trockenheit sich nur an den tatsächlichen Hergang der Ereignisse hielten, wie Markus Jost, seinen Niederschlag gefunden hat. Noch bedeutungsvoller war es, daß sie der geschichtsphilosophischen Beeinflussung der jüdischen Historiker durch Leopold von Ranke die Wege geebnet haben.

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