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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 286

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Die jüdische Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
286 (sequence 4)
Language
German
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286 Josef M e i s1: spanischen, polnischen und aller übrigen Juden einzufahren". Da alles Gewordene vernünftig ist, sind ganz bestimmte Motive dafür maßgebend, „wo und wann sich eine Tat ereignet, wo ein wichtiger Mann gelebt und gedacht, wo ein Buch geschrieben und zwischen welchen Nachbarn und Schicksalen sich eine Tätigkeit entfaltet habe". Zunz, der es übrigens nicht bei der Theorie bewenden ließ, sondern in zahlreichen fundamentalen Monographien nach dem oben gezeichneten Gesamtplan die Geschichte des Judentums zu beleuchten suchte, war einer der ersten, welche den Versuch unternahmen, allgemeine philosophische und historische Erkenntnisse auf das Spezialgebiet der jüdischen Geschichte zu übertragen, wobei ihm, ohne ausgesprochen tendenziöse Auswertung, noch das weitere Ziel vorschwebte, im Sinne einer gemäßigten Reform zu wirken. Nächst Zunz war Nachman Krochmal der entschiedenste Vertreter der Hegelianischen Gedankenwelt. Sein bedeutendstes Werk „Moreh nebuche hasman", eine religionsphilosophischen und historischen Problemen gewidmete Arbeit, ist von Maimonides, Kant und vor allem Hegel abhängig, dessen Geschichtsphilosophie er auf das Judentum anzuwenden gesucht hat. Krochmal analysiert den Prozeß der Nationalkultur, insbesondere die Frage, wie ein Volk, aus der niedersten Kulturstufe sich erhebend, seinen Nationalgott schafft und sich in die große „Schatzkammer des absoluten Geistes" einfügt. In gewissem Gegensatze zu Hegel, bei dem der Staat als der höchste Ausdruck des absoluten Geistes erscheint, pries Krochmal als die besondere Stärke des Judentums, daß es über den Staat hinausgewachsen war und seine Nationalkultur mit einem Territorium nicht unmittelbar verknüpft geblieben ist. Der Geschichtsprozeß entwickelt sich in drei Stufen: Wachstum (moed hazemichah wehagidul), Blüte (moed haos wehamiph'al) und Zerfall (moed hachituch wehakilajon). Das nationale Wesen liegt in der Nationalseele, das nationale Prinzip ist Quelle des historischen Prozesses und der Mannigfaltigkeit des Lebens. Als konkretes Symbol der nationalen Eigenart erscheint die nationale Gottheit. Nationalgeist und Nationalkultur bleiben;^von Zeit und Raum unabhängig und bilden auch nach dem physischen Verfall der Nation eine Bereicherung der Menschheitskultur. Das Judentum, in welchem sich der Geist des Universellen und Absoluten verkörpert, ist darum unsterblich geblieben und vermochte nach Vollendung der ersten mit dem babylonischen Exil abschließenden Periode in eine neue, zweite, Periode einzutreten. Diese vollzieht sich in drei Abschnitten: von der Rückkehr aus dem babylonischen Exil bis zu Alexander von Mazedonien, sodann bis zum Tode der Salomaea, der Gattin Alexander Jannais, endlich von da bis zum Barkochbaaufstand. In der dritten Periode unterscheidet krochmal wieder drei Abschnitte, nämlich erstens bis zur Mischnakodiflkation, zweitens vom Beginn der muselmanischen Aera bis zu Maimonides, drittens vom 13. Jahrhundert, dem Beginn des Verfalls und der geistigen Stagnation. Dieses sicherlich anfechtbare Schema hat doch zum ersten Male in großzügiger

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