Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 285 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Geschichtsschreibung 285 Resultat zustimmen und wird doch rückhaltlos anerkennen, daß Zunz' Plan einen gangbaren Weg zur Erkenntnis jüdischer Geschichte in ihrer Totalität gezeigt hat, und daß die späteren Geschichtsschreiber ganz gewiß erheblich weiter gekommen wären, wenn sie nach einem Gesamtplan und nicht nach der jeweiligen Ergiebigkeit des Materials in den Detailfragen gearbeitet hätten. Wir würden dann vielleicht noch keinen Versuch einer Gesamtgeschichte haben, aber wären in den Vorarbeiten zu einer solchen viel weiter, als wir etwa durch Graetz gekommen sind. Mehr noch, der tiefere Blick, welchen Zunz ohne Zweifel für das Wesen der jüdischen Geschichte bekundet, obwohl auch er nicht alle Probleme begriffen und manche Frage nur an der Oberfläche gestreift hat, hätte die Sehkraft der späteren Forscher geschärft, wenn man mit ihm die geschichtliche Entwicklung der Juden als die eines lebendigen Organismus in seinen mannigfachen Ausstrahlungen erfaßt hätte und nicht auf die schematisierende Einteilung in Martyriologie und Geistesgeschichte verfallen wäre. Indes auch Zunz* Entwurf, auch seine „Statistik" als Produkt von „Notwendigkeit, Freiheit und Zwang" bedeutet das letzte Wort in der universellen Erfassung der jüdischen Geschichte nicht Nicht nur, daß er vielen Problemen keine genügende Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, z. B. der außerordentlich wichtigen Frage des Verhältnisses zwischen Jüdischem und Nichtjüdischem u. a. mehr, auch durch die aus dem Hegelianismus übernommene ideengeschichtliche Einstellung hat er in späteren Arbeiten von seinen ursprünglich universeller gerichteten Plänen sehr viel gelassen. Die jüdische Geschichte — so erklärt er in seinem Aufsatz über die in den hebräisch-jüdischen Schriften vorkommenden hispanischen Ortsnamen — ist eine Ideenwelt „teils original, insoweit sie aus dem Judaismus hervorgegangen — teils nur eigentümlich, insofern sie das aus der Fremde Herübergebrachte einkörpert, bald sichtbar im Leben und in Werken der Juden dargestellt, bald unsichtbar geworden durch die Verwirrung Irregeleiteter und die störende Faust äußerer Eingriffe". Ganz im Sinn der Hegeischen Gesamtidee unterscheidet Zunz zwischen der Geschichte der Ideen d. i. des Judentums und zwischen der jüdischen Geschichte, die hier etwa mit dem Begriff der äußeren Geschichte identisch ist. Jene hat „die Stöße, welche das Judentum von außen erlitten hat, als verändernde und motivierende Tatsachen" zu registrieren, als „eigentlichen Vorwurf jedoch, die Entwicklung der Juden und des Judentums darzustellen, wie sie in notwendigem Zusammenhange erfolgt und die jedesmalige Tätigkeit und Lage der Juden erklärt". Nur die Geschichte des Judentums bildet „eine und eine ganze Geschichte", die durch die Mannigfaltigkeit der Ereignisse in den einzelnen Ländern, über welche das jüdische Volk zerstreut ward, nicht zersplittert werden darf. Der Geschichtsschreiber hat die Aufgabe, „einen unsichtbaren Mutterstaat, das religiös-politische Judentum, aufzuführen und von dort hinaus durch die bekannten Räume der Völkergeschichte in die speziellen Kolonien der