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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 282

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
282 (sequence 11)
Language
German
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282 Dar id Kolgen: Im Wirbel der Geschichte dem die Staatsidee ersticke. Nur für das Judentum schien dieser Sonderling eine Ausnahme machen zu wollen. Erstens, weil die Mehrzahl der Juden, Gott sei Dank, in allen Ländern verbleiben und so stets dem Staate seine Aufgabe, ein heterogener Staat zu sein, vor Augen halten würden, und zweitens würde das palästinensische Judentum einmal das „Absolute" in seinem Herzen und die Jeschiboth im Leben wieder aufblühen lassen. Stets sah er das Judentum durch die Brille einer lebendigen Geistespädagogik. —Iwan Fedorowitsch ging nicht nach der Ukraine. Er fuhr vielmehr fort, an dem wundertätigen^Knochen zu nagen und an einem Recht für eine Eigentumsform, die kommen sollte, zu arbeiten. Gemeinsame Bekannte brachten mir später nach Kiew die traurige Kunde, daß der Oberstaatsanwalt Stawrowitsch* Hungers gestorben sei. Während der Petersburger Revolutionsjahre waren Stawrowitsch und Dr. Semel die seelisch zartesten und geistig feinsten Menschen, denen ich das Glück hatte zu begegnen. — Historische Zeiten sind böse Zeiten und bitter ist der Trank der geschichtlichen Unsterblichkeit. Im Schatten der Geschichte gelangen große Seelen zur Reife, die sonst nie die ihnen nötige Helligkeit erreicht hätten. Der Historie selber gebricht es aber an Kraft, diese Seelen, die stets auf irgend einem Kulturboden gewachsen sind, zu erzeugen. Nur die Sehnsucht nach Geschichte, nach dem historischen Ereignis ist groß und erhaben, die historische Zeit selber, wie sie webt und lebt, findet stets ein kleinmütiges Geschlecht vor, setzt immer einen winzigen Menschen zu ihrem Erben ein. Und dies muß so sein, weil gerade der historische Flug den Einzelnen zum Vollstrecker eines fremden Willens herabsetzt, als stummes Opfer darbringt. Die große Geschichte wirkt fatal. Und wer dem Fatum entgeht, ist meistens klein und bis aufs Knochenmark durchfault. Man hat denn auch, und dies mit vollem Recht, Zweifel daran geäußert, ob die sog. historischen Völker, zumal die Völker, die ganz im Gedränge der historisch-politischen Kämpfe stehen, auch die am meisten vom Glück bedachten seien. Was uns wohl das Geschlecht einer „historischen Zeit" groß in Gesinnung und im Handeln zu machen imstande wäre, so daß die Größe vielleicht das Glück aufzuwiegen vermöchte, das sind lediglich die großen Männer, die historischen Vorbildmenschen. Und gerade darin entzog uns die „große Geschichte" von heute ihren Segen. Trotz des Weltkriegs, trotz der weltrevolutionären Intentionen der Zeit, trotz, endlich, der Weltkrise, die wir alle durchmachen, haben wir keinen Menschen von Weltruf, der die Ereignisse voll zu bezwingen vermochte, keinen Napoleon hervorgebracht. Und im gesamten Bereiche europäischer Gesittung, noch vor dem Anheben unserer kriegs-revolutionären Epoche, forschten und frugen wir nach dem Grunde dieses unerfreulichen Zustands. Ist es gar ein Beweis unserer kulturellen Stärke und Ueberlegenheit, oder äußert sich da Schwäche, Mangel an menschlicher Produktivität? Unter dem Eindruck solcher Resignation schickte ich mich an, Petersburg zu verlassen. In mich bohrte sich tief der Gedanke hinein, daß

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