Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 281 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Wirbel der Geschichte 1 28l Iwan Feodorowitsch Stawrowitsch war ein Mann Ende der Vierziger und bereits unter dem alten Regime bekleidete er den Posten eines Oberstaatsanwalts des vierten Departements des Senats, stand also im Range nur dem Justizminister nach. Stets nach unseren mehrstündigen Unterredungen über philosophische, religiöse und soziale Probleme mußte ich mir die Frage vorlegen: Ist der Mann wirklich einer der besten Meister juristischer Formalistik, wie sie eben in den Senat gehören? Aber die Leute, die es wissen müssen, bestätigten es. Psychologische Erleuchtungen und metaphysische Blitze durchzuckten sonst seine Rede. Es war nichts, weder im Auftreten, noch im Sprechen, was an den Juristen erinnerte. Eher katholische Einschmeichlung und seelenvolles Versenken in das Wesen des Andern zeichneten ihn aus. Er liebte nicht die Politik und doch entwarf er wundervolle Bilder von der „Kunst des Herrschens". Er war nie im Auslande und zeichnete doch psychologisch treu Deutsche, Engländer Italiener, Franzosen. Und er kannte auch ihre Philosophie und ihre Literatur. Zu seinen Lieblingsthemen gehörten die Bibelkritik und der orthodoxe alttestamentarische Jude, wie er ihn in seiner engeren litauischen Heimat kennen gelernt hatte. Dabei sagte er auswendig in wohlklingendem Hebräisch ganze Seiten aus der Bibel her. Der Sohn eines Volksschulwesens-Inspektors des Wilnaer Distrikts, wußte er genau Bescheid sowohl in den Sitten, wie selbst in den Gebetbüchern der Israeliten. Er kannte genau die Geschichte der Jeschiboth und trug sich mit dem Gedanken, hinterlassene Aufzeichnungen seines Vaters über die bekannte Jeschiba in Woloschin zu einer, wie er sich ausdrückte, Pädagogik des geistigen Lebens zu verarbeiten. Niemand verstehe die Bedeutung der Jeschiboth, — pflegte er mir wiederholt entgegenzuhalten, — es sei ja die einzige Schule, wo gelehrt werde, ununterbrochen im Geiste zu leben, geistiges Leben zu produzieren; das Hegeische Absolute, das die Wirklichkeit aus sich entläßt, um sie, geläutert, wieder in sich aufzunehmen, sei in der Jeschiboth-Instistution verkörpert. — Die Revolution machte ihn zu einem armen Menschen. Anstatt einer stilvoll eingerichteten Wohnung bezog er jetzt eine Studentenkammer und sorgte selbst für den eigenen Unterhalt. Mit wissenschaftlicher Exaktheit schilderte er die Lebenskräfte, die ein von ihm erhaschter Knochen eines Ochsen zu spenden vermöge, eine Woche lang ernährte er sich von den Suppen dieses einzigen Knochens. Die Revolution hatte in ihm eine besonders starke geistige Produktivität erweckt und Nächte hindurch arbeitete er an einem Werk über das „Recht des gemeinschaftlichen Eigentums". Als aus Kiew an ihn der Ruf erging, unter glänzenden Bedingungen das ukrainische Justizministerium zu organisieren, lehnte er glatt ab. Er glaubte zuversichtlich an die Wiedererstehung Russlands, und wir stimmten mit ihm überein, daß ein Staat, der nicht versteht, mehrere Völker unter ein Dach zu bringen, noch gar nicht verdiene Staat genannt zu werden. Der homogene Staat neige zum egoistischen Nationalismus, in Heft 5 IQ-