Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 283 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Josef Meisl: Die jüdische Geschichtsschreibung 283 Geschichte und Kultur zwei verschiedene Dinge sind, und ich legte mir oft die Frage vor, ob wirklich nicht die kostspieligen und dem Wesen nach unschöpferischen „Geschichten" der Geschichte sich bereits überlebt haben. Stehen nicht vielmehr die historischen Paradegestalten der Geschichte, das Geschichte-machen en masse der wirklichen Geschichte der Kultur im Wege? Ich wußte noch nicht, was außerhalb sich abspielte, und voller Hoffnung, Hab und Gut verlassend, zog ich mit Frau und Kind im Herbst 1918 nach der Ukraine. Wir wähnten, der „Geschichte" entlaufen zu können, während ihre apokalyptischen Reiter uns auf den Fersen folgten. JOSEF MEISL I DIE JÜDISCHE GESCHICHTS¬ SCHREIBUNG I. Die Hegelianer. Auch für die jüdische Historiographie bildet das neunzehnte Jahrhundert einen Wendepunkt. Seit den biblischen Geschichtssreibern und seit Josephus war manches Werk über die Geschichte der Juden geschrieben worden; aber wenn man auch das kritische Talent eines Asarija de R 0 s s i als einzige verschwindende Ausnahme gelten lassen darf, so war der Rest Dutzendware und meist noch weniger. Erst die jüdischen Hegelianer, die am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in dem „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" sich zusammenfanden, Eduard G a ns, Leopold Z u n z, Moses M o s e r (u. a. auch Heinrich Heine, David F r i e d 1 a e n d e r) gaben den richtigen Impuls zu einer wissenschaftlichen Ergründung des Judentums. Statutarisch war die jüdische Forschung für die Vereinsmitglieder Mittel zur Erkenntnis des Judentums, aber als die Führer zum Teil sich zum Christentum bekehrten, blieb die „Wissenschaft des Judentums" als der unvergängliche Rest dieses Pioniertums übrig. Daß dieser Gelehrtenkreis vornehmlich durch Hegel beeinflußt worden war, erklärt sich einfach aus Zeit und Ort seiner Wirkungssphäre, und dies ist von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung der jüdischen Geschichtsschreibung geworden. Berührungspunkte zwischen Hegelscher Philosophie und jüdischer Gedankenwelt lagen nahe genug, um z. B. NachmanKrochmal, Samuel Hirsch oder Moses Heß zu veranlassen, ihre jüdische Weltanschauung auf Hegel zu gründen. So suchte Heß den jüdischen Nationalismus als die Synthese zwischen dem traditionellen und dem modernen Judentum darzustellen, und wollte ^igen, daß das Judentum als die Geschichtsreligion par excellence für die geschichtsphilosophische Einstellung Hegels mit seiner steten Betonung der »Opferung" und „Selbstopferung" sehr empfänglich sein mußte, während im Gegensatze dazu Schopenhauer, Hegels Antipode, als der entschiedenste Vertreter der arischen Weltanschauung (Naturkultus) erscheint. Der Einfluß 19*