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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 280

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
280 (sequence 9)
Language
German
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28o David Koigen: sprach bereits diesen Gedanken offen aus, bevor noch jede dahinführende Handlung in Szene gesetzt worden war, als das Okkupationsheer der Deutschen noch die Ukraine besetzt hielt und sich in der Richtung nach dem Kauksasus auszubreiten suchte. Das bolschewistische Tun und Lassen hing zu jener Zeit von der Zwecklogik des allgemeinen kriegs-revolutionären Geschehens ab. Der moralische und kriegerische Zusammenbruch des Reiches brachte die Revolution hervor, die zum Zweck ihres Selbstschutzes einer eigenen Armee bedurfte. Die traditionellen Gestaltungsmächte des russischen Staatswesens wiesen dieser Revolutionsarmee ein erweitertes Tätigkeitsfeld an. Als der strenge Winter des Jahres 1918 zur Neige ging, begann alles, was früher zur Gesellschaft zählte und in Wirtschaft oder Staat Geltung besaß, Petersburg und Moskau heimlich zu verlassen. Kiew und Rostow am Don wurden zu den Sammelorten der neuen Emigration. Noch in den Wintermonaten konnte man mit einem Gefühl der Beschämung in den Straßen Petersburgs hohen Offizieren des alten Heeres begegnen, wie sie Zeitungen und Zeitschriften feilboten. In Frühling herrschte bereits eine Friedhofsruhe. Die Vorräte waren verbraucht, die Fabriken standen still, die Geschäfte geschlossen. Selten passierte, eilenden Schrittes, ein Mensch die Straße. Allerlei Kräuter und Gras nahmen Besitz von den Straßen, die Stadt war dem Sterben nah. Auch die Massen zog es aufs Land, in die Dörfer hin, soweit sie nicht vorher bereits zu der roten Armee eingezogen worden waren. Und selbst die Newa, seit Peters Tod die Sehnsucht so vieler Geschlechter, ein wahres Mirakel, das mit an meinem eigenen Leid, an meiner eigenen „historischen" Sehnsucht schuld ist, schien ihrer Geschichte müde geworden zu sein, sie hüllte sich in verborgene Schönheit, wie in der Absicht, auf ewige Zeiten einzuschlummern. Es war die höchste Zeit auch für mich gekommen, diese im Tode verklärte Stadt zu verlaßen. Nach der Ukraine, nach dem Süden ging der Weg. Nicht alle konnten, waren willens diesen Weg ins Unbekannte anzutreten. Sie gewöhnten sich an die Stille des Friedhofs und waren stets unheimlich erschrocken, wenn jemand den kühnen Flug unternahm. Neid und Mitleid mischten sich in ihrem erloschenen Blick, und keiner sprach mehr ein Wort der Aufmunterung oder Warnung. Man dachte durch und durch abergläubisch-fatalistisch, man wähnte sich von Gott und Welt verlassen, man fühlte sich als gewesene Menschen, um die sich nur von Zeit zu Zeit Teufel in Menschengestalt zu kümmern vermögen. Man kämpfte weiter den harten primitiven Kampf ums Dasein, und wer nicht ins Lager der Sieger überging oder der sozialen Mimikry sich zu bedienen verstand oder gar keine poetische Quelle im neuen Dasein zu entdecken vermochte, ging unter. Nur eines Edlen, eines Gliedes unseres engen Kreises, der dort den Hungertod gefunden hat, möchte ich hier Erwähnung tun, weil sein Leben, sein Gesinnungswechsel und sein Tod so bezeichnend für jene Zeit sind.

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