Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 278 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106741--5080-3106776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
278 David Koigen: ich auch den baldigen Zusammenbruch voraussagte*). Zu gleicher Zeit kamen in ihrer Heimat angesehene Politiker, die uns über die Zustände auf dem Kaukasus, in der Ukraine, Litauen usw. ausführlich berichteten. Und all diese Nationalisten, bei all ihrer starken Abneigung gegen den Bolschewismus, sprachen von der Lostrennung ihrer Heimatländer vom Russenreich als von einer vorübergehenden Episode, als von einer national-politischen Variante, die notwendig ist, um in kurzer Zeit zu den Vereinigten Staaten von Russland zu gelangen. Es wurden auch Stimmen laut, daß von nun an Russland zu einem großrussischen Bauernlande nach der Art von Schweden zusammenschrumpfen würde, was'jedoch bei den meisten aufrichtige Heiterkeit hervorrief. Insbesondere waren es die ostjüdischen Europäer, deren großimperialistischer Patriotismus gegen solche Perspektiven entschieden Front machte. Die russische Revolution, die tief im russischen Staats- und Volkswesen, in der russischen Historie wurzelt, wickelt sich nach der Art einer Spirale ab. Bei jeder entschiedenen Schwingung, die die Spirale macht, gelangt irgend eine der Grundtraditionen der russischen Geschichte ans Tageslicht. Neben dem spezifischen Geist der Staatsbeamtentums kann der imperialistische Nationalismus universalistischer Prägung zum Vorschein. Und er war es ursprünglich, der den Bürgerkrieg entfachte. Bloß die Methode ist hier eine bürgerkriegerische, proletarisch-kommunistische und kriegswirtschaftliche. Dem Gehalte und der Intention nach ist der russische Bürgerkrieg eine Aeußerung der Völker- und Stammeskriege im russischen Reich. Die wesentlichen Etappen dieses Bürgerkrieges spielen sich denn auch in den Gegensätzen: Großrußland — Ukraine, Großrußland — Kaukasus, Großrußland — Turkestan, Großrußland — Sibirien, Großrußland — Polen, Großrußland — Randstaaten ab. Im eigentlichen Großrußland kamen höchstens Parteikämpfe zum Vorschein. Der bolschewistische Sowjetstaat lebt und fällt mit der aufs neue erwachten imperialistischen Idee universalistisch-russischer Art. Nur ist seine Grundlage sozial eine andere, eine weitere, als die des romanowschen Staates. Da bemächtigte sich der „marxistische" Bolschewismus der dritten fundamentalen Tradition der russischen Geschichte und zwar der des „Narodnitschestwo", der Bauern-Volkstümlichkeit. Die Umwälzung in den Agrarverhältnissen ist eine Folge dieses dritten Motivs in der russischen Geschichte. Uebrigens bedeutete die Aufhebung der Leibeigenschaft durch den zentralisierten, auf Expansion abzielenden alten Staat bereits den Anfang dieser Bauernvolkstümlichkeit. Mit Recht zeihen die Staats-Bureaukraten, Slawcphilen und die Sozialrevolutionäre (die politischen Wortführer des „Narod- *) Wie leidenschaftlich die Dinge genommen wurden, geht u. a, daraus hervor, daß meine seit dem Brester Frieden erstarkte Meinung, Deutschland habe den Krieg verloren, mich dem mir seit langem befreundeten bodenfesten Publizisten Bikermann vollständig entfremdete. B. scheint auch jetzt noch auf seinem Standpunkte zu beharren. Soziologisch gesehen, mag er recht haben. In bezug auf den sozial-wirtschaftlichen Aufbau Europas vermag m, E. Deutschland den Krieg.in letzter Linie nur zu gewinnen.