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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 277

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
277 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Im Wirbel der Geschichte 277 uns früher so gastfreundlich bewirtet hatte, hatte inzwischen längst ins „Proletariat" hinabsteigen müssen, und dies trotz der von ihm geäußerten festen Zuversicht, daß Nikolaus II. für eine Zeit zurückkehren werde, um Wilhelm II. eigenhändig zu entthronen. für den Frevel, den dieser an dem heiligen Russland in Brest-Litowsk begangen haben sollte. Es waren aber in unserem Kreise Propheten, die mehr Sehergabe bezeugten, als der Bankier J—w. Der hochbegabte Boris Demtschinski, der ebenso talentvoll die Produktion materieller Güter zu organisieren, wie das „Gesetz der Erde" und das „Gesetz des Geistes" im Leben der Stämme des Altaj zu erforschen verstand, prophezeite mit religiöser Inbrunst den Untergang des Hohenzollernhauses. Die Russen waren fest überzeugt, daß das niedergeschmetterte Russenreich nicht ungesühnt bleiben könne. Noch nie hatte ich die Gelegenheit, einer so starken Ueberzeugung von der Vergeltung im Bösen und Guten in weiten Kreisen zu begegnen, wie es hier der Fall war. Das religiös-moralische Denken, daß auf einmal wach wurde, half vielen, die Ruhe zu bewahren. Man ging noch weiter und trachtete alle Ereignisse der kriegs-revolutionären Epoche in den Kreis des Ethos hineinzuzwingen. So schickte für unsere Zeitschrift der ehemalige liberale Oberprokurator der heiligen Synode Fürst Obolensky Betrachtungen über die Zeit, die auf den Gedanken der Vergeltung hinausliefen. Es geschehe uns recht! Da der Verfasser ein Fürst war, hat seine Abhandlung das Licht nicht erblickt. 'Die Zeit war nicht dazu angetan, um ungestraft Arbeiten von Fürsten zum Bekanntwerden zu verhelfen. Wir, die Anderen, glaubten bei der Erörterung historischer Umwälzungen ohne moralische Kausalität und ohne ethische Beurteilungen auskommen zu können. Man muß bedenken, daß wir alle seit Jahren von der übrigen europäischen Welt, von ihrem zeitgenössischen Schriftum vollständig abgeschlossen waren. Die Mehrzahl glaubte aufrichtig an den Sieg Deutschlands. Und doch versuchte ich bereits am 18. März 1918 in einer Abhandlung „Meta¬ Historie" („B. f. K. u. P." Nr. 8) und sodann in den Debatten der „Gesell-' schaft".den Zusammenbruch des" Brest-Litowsker Friedens vorauszusagen. Ich ging dabei von der immanenten Organisation der Natur- und Menschenkräfte auf der europäischen Halbinsel aus, zeichnete ihre Tendenz, gemäß dem Gesetz einer gleichmäßigen Erschließung all ihrer Boden- und Kulturschätze sich zu entwickeln, und stellte cpeser elementaren Entwicklungsmacht die verschiedenen historisch-politischen Pläne der kämpfenden Großmächte gegenüber. Wie auch der deutsche Krieg, gemäß meiner wissenschaftlichen Einstellung, als berechtigt anerkannt wurde, so erschienen doch seine Siegespläne, der gesamte Plan einer politischen Gothik, eines hierarchischen Aufbaus der europäischen Oststaaten als eine vollständig künstliche Konzeption. Der politische Dilettantismus des Brester Vertrages lag auf der Hand. Ich ließ ihn bloß als strategisch-kriegerisches Experiment gelten, dem

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