Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 276 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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276 David Koigen: sozialideologisch minderwertig. Gogol hat denn auch seine zart besaitete Ukraine um des streng-ernsten Petersburger Bureaukratismus willen verraten. Gontscharow, dieser einzigartige große Plastiker in der russischen Literatur, spielt die ehrliche Beamtenseele gegen den am russischen Spleen leidenden Oblomow aus. Und wo die weiche Slavennatur nicht ausreicht, um einen festgezimmerten, auf die Staatsgeschäfte gerichteten Geist zur Schau zu tragen, ist es ein im russischen Meer untergetauchter Deutscher, der diese bureaukratischpatriotische Mission zu erfüllen hätte. Wie tief sich diese Beamtentradition auch des Sowjetstaates zu bemächtigen verstand, wird auch dadurch bekundet, daß selbst der gefeierte Dichter des gegenwärtigen revolutionären Mysteriums, Alexander Block, in einem Dialog, der bezeichnend genug betitelt ist: „Von der Liebe, der Poesie und dem Solde im Dienste des Staates", den Poeten am Schlüsse ausrufen läßt: „Mich dünkt zuweilen, im Staatsdienst würde ich meine Schwermut los" ... Eine jegliche Revolution birgt ihre Reaktion in sich, und dies nicht lediglich aus dem Grunde, weil es eine Psychologie der Kontraste gibt, der eine erregte Seele unwillkürlich Rechenschaft trägt; keineswegs gemäß dem Satze vom Umschlagen der radikalen Stimmungen geschieht also. Die Revolution wühlt von Grund aus den gesamten Lebensbestand auf, und längst begrabene Traditionen und Leidenschaften wagen sich an die Oberfläche. Es bedarf nur einer Veranlassung, wie es eben die Art des geschichtlichen Werdens ist, das anstatt von Ursachen lauter Veranlassungen kennt. Das historische Denken ist denn dem Wesen nach kein kausales, sondern vielmehr ein okkasionalistisches. Wie das barbarische Treiben der revolutionären Leidenschaften den Urgeist der Skythen, das Skythentum im russischen MenscHen wachrief — in einem Lande mit einer anderen Bevölkerung würde die Revolution andere Rassenleidenschaften ans Tageslicht befördert haben —, so gestaltete sich denn jede summarische Tat der Revolutionsgewalt zu einer „Okkasion" für die Wiedererweckung irgend einer fundamentalen Tradition des gesamten Gemeinwesens. Der Friede von Brest-Litowsk, der das russische Volk seiner ukrainischen Schwesternation entfremdete und den Norden wirtschaftlich vom Süden lostrennte, war die „Okkasion", die Veranlassung für das Wiedererwachen der nationalen Tradition. Selbst in den Kreisen der radikalen, ins bolschewistische Lager übergetretenen Revolutionäre griff man zur nationalen Selbstwehr, man ging an die Gründung von partisanischen Heeresgruppen. Lenin und die Seinen widersetzten sich mit nichten diesem nationalpatriotischem Drange, sie gaben bloß, wie so oft in ähnlichen Fällen, die Parole des zeitweiligen Aufatmens aus. Auch unser winziger Seismograph reagierte stürmisch auf das große Ereignis. Es war inzwischen Winter 1917—1918 geworden, unsere „Gesellschaft" siedelte auf die Wassilijew-Insel in die Räume des „Boten für Kultur und Politik" über, der selbst aus den Kreisen jener Gesellschaft hervorgegangen war. Der liebenswürdige rechtsgerichtete Bankier J-w, der