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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 275

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
275 (sequence 4)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 275 vernahm. In dieser Atmosphäre wurde auch die Hoffnung auf den General, der bestimmt auf einem weißen Rosse kommen würde,wach. DieLegendenbildung ging nicht nur im linken, sondern mit der gleichen Stärke auch im rechten Lager vor sich. Die in die Enge getriebene Vernunft der Rechtsparteien suchte leidenschaftlich nach einem eigenen Ausweg — und fand keinen. Der berühmte Sündenbock aller mißlungenen Geschichte und Politik, die Judenmär, versagte ganz und gar. Wenn im alten Reich die echt-russische Presse den Schein zu erwecken vermochte, als ob die russische Erde nicht, wie es tatsächlich der Fall war, von 80 Millionen Russen und 5 Millionen Juden, sondern, umgekehrt, von 80 Millionen Juden und 5 Millionen Russen bewohnt wäre, so gebrach es jetzt an den Organen selber, die solche Lügen zu produzieren vermochten. Die geniale Demagogie und unerschrockene Tatkraft der Bolschewisten ließen keine Zeit zur Umschau. Der Friede von Brest-Litowsk, das Auseinanderjagen der Konstituante, die Uebersiedlung der Regierung nach Moskau, die ausschließliche Verwandlung des Zeitungswesens in eine Regierungspresse — lauter Ideale der äußersten Rechten, halten nun mutatis mutandis ihre Verwirklichung gefunden. Die Bestürzung war so groß, daß man lange in all diesen* bolschewistischen Regierungskünsten eine Provokation von rechts witterte. Immerhin war es psychologisch der Mannschaft aus den „echtrussischen" Kreisen möglich geworden, Aemter zu bekleiden, während es den breiten Schichten der Gebildeten ebenso psychologisch unmöglich wurde, also zu verfahren. Die Sabotage der Intellektuellen und Beamten setzte ein. Die Bolschewiki, die es ursprünglich auf die Vernichtung der landläufigen Zivilisation und Gesittung abgesehen hatten, gewannen dadurch zweierlei: sie konnten von nun an der Welt in der Gestalt der Sabotierenden einen neuen Gegner vorstellen. Im Kampfe mit dem Gegner vermochte man sich selbst großzuziehen, vermochte man, nach Bedarf, die eigene kulturelle Ohnmacht zu entschuldigen. Mit Hilfe der „echtrussischen Leute" bemächtigte man sich aber dann in den Staatsgeschäften des alt hergebrachten russischen Geistes, der auf diesem Gebiete der Geist des Russland Karamsins und Nikolaus I. ist. Der dem Kommunismus innerlich fremde „Dienst am Staate" wurde so aufs neue bewurzelt und seelisch geweiht. Wenn man so Schritt für Schritt die Manifestationen durchnimmt, die die konzentrische historische Wirkungseinheit, Staat genannt, äußert, so beginnt man wirklich an eine Logik zu glauben, die in der Geschichte waltet. Die Traditionen waren es, von denen der öffentliche Geist Russlands beherrscht wurde: die Volkstümlichkeit, die ihren Ausdruck in der groß angelegten Ideologie des „Narodnitschestwo" gefunden hat, der religiös gefärbte Romantiker-Nationalismus der Slawophilen und der bureaukratische Patriotismus Nikolaus I, wie er bereits früher seinen Niederschlag in der wunderlichen „Geschichte des Russenvolkes" von Karamsin erhalten hat. Selbst Gogol und Puschkin fröhnten dem Beamtenpatriotismus. Wer nicht im Solde des Staates stand, galt als

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