Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 274

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
274 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101181-3106741--5076-3106772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

274 David Koigen: jektow, der bedeutende Politiker und ehemalige Vizepräsident der Duma Baron A. v. Meyendorf, der begabte Romantiker Stephun und andere. Da stand in unserer Mitte der Armenier B—n auf und mit dem seiner Nationalität eigenen starken Temperament verhöhnte er alle Geschichtsperiodizität. Er verfiel in den Ton eines Propheten und kündete also: „Ihr Wissenschaftler und Politiker habt Scheuklappen vor den Augen. Der russische Staat und seine Regierungsgewalt hat bereits die Ewigkeit gesegnet und es findet sich nur keiner, der dem hohen Leichnam die letzte Ehre zu erweisen gedächte. Wir Bolschewiki werden in zwei, drei Tagen, schweren Herzens, die Gewalt übernehmen. Allein ihr dürft nichts Gutes erwarten. Auch unsere Gewalt wird eine scheinbare s§in. Denn alles will und wird von innen heraus seine Selbstbestimmung durchführen. Und jede Stadt, jedes Dorf, ja jegliche Straße und jegliches Haus werden sich selbst ihre Gesetze geben, werden selbst ihre Macht ausüben, werden ihre eigene Miliz unterhalten und ihre eigene Münze prägen. Die babylonische Verwirrung ist ein Kinderspiel gegen das, was kommen wird. Ihr klagt über Teuerung und Nahrungsmangel? Ihr Toren! In einem Jahr werdet ihr Tausende für eine Scheibe trocknen Brots zahlen wollen und werdet keine finden. Ihr fürchtet euch vor der bolschewistischen Anarchie? In einem Jahr werdet ihr die Stiefel der roten Soldaten küssen, damit sie nur euer nacktes Leben schützen. Ihr schimpft und flucht auf die Heloten und Proletarier? In einigen Wochen werdet ihr euch alle mit diesen verhaßten Namen brüsten. Und keine Wissenschaft, keine Politik, keine Macht dieser Welt vermag dagegen etwas auszurichten. Das Einzige, was not tut, ist, sofort sich des Smolney (Sitz der Räte) zu bemächtigen und den scheinbaren Machthaber zu spielen. Wir werden es schon verstehen, das kleine Kind, Proletariat genannt, laufen zu lehren."— Der Armenier sprach's und ging davon. In den nächsten Tagen komandierte er eine Rotte Soldaten, die mithalfen, den Sowjetstaat aufzurichten. Unserem Freunde Semel war es leider nicht mehr vergönnt, die von ihm vorgetragene Revolutionsperiodizität bewahrheitet zu sehen. Er hielt es in der dem politischen Irrsinn anheimgefallenen Stadt nicht mehr aus. Ihn zog es nach den ruhigeren deutschen Landen und unterwegs, bereits unter dem bolschewistischen Regime, fand er seinen Tod. Eine große Freude durfte dieses edle und zarte Menschenkind immerhin noch erleben. Er sah, wie die Revolution die Kriegsgefangenen versammelte und ihnen die Erklärung machte, daß es von nun an keine Völkerfeindschaft in der Welt gebe, und mit dem überströmenden Gefühl, Europa diese Botschaft verkünden zu wollen, fuhr er davon. Dieses deutschen Europäers und zarten Freundes sei hiermit in Ehre und Treue gedacht. Es ging weiter bergab. Unsere „Gesellschaft", die einem winzigen Seismographen glich, verzeichnete das unterirdische Erdbeben. Aber immer waren es noch die Trägheit des Gefühls und die Stabilität des Denkens, die sich sträubten, das anzuerkennen, was die Augen sahen und das Gehör

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.