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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 273

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
273 (sequence 2)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 273 Götter zur Unterhaltung, zum Fest geladen. Er sah ihrem hohen Spiele zu, er war ihrem Rate nah und lebend noch, wie ein Himmelsbewohner, trank er aus ihrem vollen Kelch der Unsterblichkeit mit." Bald sollte es anders werden, bald sollten auch die Hoffnungsvollen der Trunk der Unsterblichkeit bitter zu schmecken bekommen. Vom Sterbelager der demokratischen Revolution gelangten allerlei böse Gerüchte zu uns. Das Haupt der Provisorischen Regierung, der „Girondistenführer" Kerenski pflog geheimnisvolle Verhandlungen mit dem patriotischen Kosakengeneral Kornilow. Die Massen der Straße begannen sich apokalyptischer Redewendungen zu bedienen. Ueber Nacht wuchsen die Schweizerstädchen Kienthal und Zimmerwald zu vieldeutigen, schwerwiegenden Symbolen empor. An diesen zwei Worten der politischen Kabbala scheiterte die auswärtige Politik des Kadetenführers Miljukow. Noch heute sehe ich ihn, den hochbegabten Minister, wie er eines Nachts, entblößten Hauptes, vom Balkon des alten Staatsrates eine Riesenmenge anflehte, sich zu gedulden und den Glauben an'den Genius des Russenstaates nicht zu verlieren. Und aus der tausendköpfigen Menge, die'aus Kleinbürgern und Soldaten bestand, schallte es entgegen; Kienthal, Zimmerwald! An anderen Ecken der Stadt, auch von den Baikonen herab, stets von Massen umringt, suchten tags und nachts Bolschewistenführer mit Lenin an der Spitze diese rätselvollen politischen Hieroglyphen zu entziffern. Schon damals konnte man es bemerken — was auch in unserer Gesellschaft mehrmals zur Sprache kam —, wie stark der Massengeist gerade von unbekannten und sinnlosen Worten infiziert wird. Je sinnloser, desto besser, desto mehr vermöge man in das Wort aus eigenen Wünschen und Erlebnisssen hineinzutragen. Dazu kam das Zwielicht der Petersburger Nächte inv den Sommermonaten des Jahres 1917, das dem Straßenspiel der Massen ein phantastisches Aussehen verlieh. Politische Gegner, Spione fremder Staaten, fremdsprachige Leute, lokale Propheten — alles sprach durcheinander, geriet in Aufregung und kündete den Untergang. Selbst die Finnländer, die noch kein lebendes Wesen je von Aufregung erfaßt gesehen hatte, liefen mit roten Gesichtern herum. „Die stummen Gesichter der Finnen drücken Zorn aus" — sagte mir einer, der Bescheid weiß, — „es geht wahrscheinlich auch drüben, in Finnland nicht ruhig zu." Die kabbalistischen „Kienthal" und „Zimmerwald" machten die Runde durch das ganzev Reich, trafen die Herzen auf der Front, in den benachbarten Ostseeprovinzen, in der südlichen Ukraine und drangen selbst in das weite Sibirien. Gleichzeitig mit den „Räten" wurden Republiken aus dem Boden gestampft. Das „große Rußland" war nicht mehr da und die Stadt Peters war nicht mehr sein Haupt. St. Petersburg gab sich der Prophetie hin. An einem Abend im Herbst des denkwürdigen Jahres 1917 sprach in unserer „Gesellschaft" ein Dorpater Deutsche, der Dozent der Petersburger Universität für allgemeine Geschichte Dr. Semel über die Periodizität in den Revolutionen. Es opponierten die Universitätsprofessoren Presnjakow, Poli-

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