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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 272

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
272 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Bavld Koigen: DAVID ROIGEN / IM WIRBEL DER GESCHICHTE (Lose TageluchhJätter) V. Allerseelen, Die demokratische Revolution, die Revolution der Provisorischen Regierung lag im Sterben. Nächte hindurch saßen wir in der Privatwohnung des russischen Bankiers J—w versammelt als „Gesellschaft zur Erforschung der russischen Revolution" und warteten ruhig ihren Tod ab. Leute verschiedener Nationalitäten, Stände und Parteirichtungen, von Anhängern der rechtsstehenden Parteien, „Oktjabristen" von anno 1905, bis hinunter zu Sozialrevolutionären, Sozialdemokraten und solchen, die sich in der Folge als Kommunisten und Anarchisten entpuppt haben, nahmen teil an unseren geschichtsphilosophischen Beratungen, Zuerst ging es ruhig zu, der wissenschaftliche Anstand und die wissenschaftliche Objektivität wurden streng gewahrt Wir alle glaubten noch an die Möglichkeit, die Krankheit des sich in Schmerz und Leid windenden Riesen zu ergründen. Als Vorsitzender der „Gesellschaft" suchte ich auch meinen Kollegen den Willen zur Erkenntnis einzuflosen. Bereits bei der Eröffnung der ersten Sitzung wies ich auf den inneren Zusammenhang unserer Wissenschaft mit dem Mythos des Prometheus hin, auf eine Tradition also, die vom Schöpfer des wissenschaftlichen Kanons, vom Piaton selbst herrührt. Viele hätten es unter der Obhut der prometheischen Wissen« schaft ausgehalten. Gerade in Zeiten der historisch-politischen Auseinandersetzungen und während revolutionärer Umwandlungen haben Dante und Milton, haben Spinoza, Kant, Goethe, Wagner, haben die Schöpfer der deutschen Romantik und des französischen saint-simonistischen Sozialismus gewirkt und geschaffen. Und erst recht die Männer der großen Reformation, die Luther, Calvin, Zwingli, die Engländer und Holländer, — standen die nicht unter dem Zeichen einer allgemeinen Umwälzung? Die historische Erfahrung, der sich in das Leben hineinbohrende Intellekt waren es, die einen Weg suchten, dem aber das mit Ahnungen belastete Gefühl nicht selten die Gefolgschaft versagte. Leute, die bereits die Mitte ihres Lebenslaufs erreicht haben und auf geistigem oder politischem Gebiete Bedeutendes unter dem ancien regime leisteten, sprachen voll Bangigkeit Worte Ciceros nach: „Mitten in den Stürmen.der Bürgerkriege und Unruhe bin ich zur späten Stunde in die Welt gekommen und von der Nacht Roms wurde ich auf meinem Gange ereilt." — „Gut!" — antworteten die anderen, die noch voll Hoffnung in das Leben blickten. Mit dem wunderbaren Dichter-Olympier Tjutschew*) hielten sie jenen entgegen: „Indem du Abschied nahmst vom Ruhme Roms, sahst in aller Herrlichkeit du den Untergang des Sternes, des blutigen. Glücklich, wer in die Welt kam zur verhängnisvollen Stunde! Ihn haben *) Tjutschew lebte in den 1840 er Jahren und war lange Jahre hindurch russischer iandter am Münchener Hof,

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