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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 270

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Der Messiasgedanke
Date
1921-01-01
Page
270 (sequence 3)
Language
German
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270 Elfride Bergel-Gronemann: Der Messiasgedanke war, begrenzte er jene unendliche Hoffnung, die keine Gestalt je ausfüllen kann. Wohl ersehnt der Jude inbrünstig den Messias — aber sein Bild von ihm, sein Licht ist so gewaltig, daß keine Wirklichkeit sie erreichen kann. Hier ist der grundlegende Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Auffassung des Messias. Im Christentum ist der Messiasglaube Trost, im Judentum ist er Aufgabe. Hier liegt sein Wesen in der Arbeit, dem Streben, die Welt für den Erlöser zu bereiten. Nach jüdischer Auffassung wird er erst kommen, wenn die Welt sich geheiligt hat für sein Erscheinen. Aus diesem Gedanken der Selbsterlösung muß man die Anschauung verstehen, die in dem Opfertod des Reinen eine Verkennung, Verkleinerung, Umbiegung der göttlichen Gerechtigkeit sieht, die absolut sein muß, um als göttlich empfunden zu werden. Auch der Jude kennt die „Gnade". Aber sie ist eine Begnadigung nach dem Urteilsspruch Gottes, vor dessen Angesicht jeder täglich, stündlich sich zu verantworten hat. Der „Gott der Rache", dieser vielgeschmähte Gott des Alten Testamentes, ist nur der „gerechte Richter". Die Inbrunst des sittlichen Bewußtseins des Judentums kann nichts anderes anerkennen. Die Antwort auf das Problem der Sünde, bei beiden Religionen im Mittelpunkt, enthüllt vielleicht am deutlichsten die Verschiedenartigkeit der Seelenzustände. Die symbolisch bedeutsame Tatsache, daß das „Sündenbekenntnis" von jedem Juden am Versöhnungstage gesprochen werden, daß keiner sich ausnehmen soll, zeigt die tiefe Bewußtheit von dem Ausgesetztsein jedes Menschen, sich durch Sünde zu erniedrigen. Denn die Gedankensünde ist der Tatsünde moralisch gleichgesetzt. Die bloße Tatsache des Versöhnungstages spricht erschütternd deutlich von der Verzweiflung des Sündigenmüssens, des Nichtreinbleibenkönnens und von der inbrünstigen Sehnsucht nach "Reinheit. Aber trotz dieses abgründigen Wissens um die Gebundenheiten der Seele das optimistische, jubelnde Gefühl: Umkehr ist möglich. Reinheit ist möglich. Auge in Auge mit Gott kann sie erkämpft werden. Kein Fall ist so tief, daß nicht heiliger Wille emporführen könnte. Das Ich muß sich durch eigene Kraft erlösen — dann, nur dann begnadigt Gott. Und wenn es auch immer wieder sündigen wird — der heilige Wille zur Reinheit ist immer wieder siegreich, wird es immer wieder und immer völliger erlösen. Diese Erkenntnis des Sündig Werdens wird im Christentum das Bewußtsein des Sündigseins. Man braucht es kaum auszusprechen, daß dies eine Ermüdungsform gegenüber der jüdischen optimistischen Auffassung darstellt. Deutlich fühlt man hier die Ermattung des immerwährenden Kampfes, das pessimistische Ansichselbstverzweifeln. Und damit wird der Mittler notwendig, der erlöst gegen Gerechtigkeit, durch Gnade. Eine typische Depressionserscheinung, das Verzagen an der eigenen Kraft: Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen. Er ist von Geburt an der Sünde verfallen. Keine Anstrengung kann ihn reinigen. Und in dieser Mutlosig-

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