Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Messiasgedanke
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 269 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Messiasgedanke 269 Essoll dargelegt werden, daß das Christentum abgelehnt werden mußte kraft jenes Willens zum Absoluten, der als Grundprinzip, das einzige, des Judentums aufgefaßt wurde. Judentum und Christentum sind in ihren gleichen Antrieben nach als Schwesterreligionen kenntlich. Bei beiden steht die Sensucht nach Reinheit, nach Heiligung, im Mittelpunkte ihres Seins. Sie entstammen derselben nach Vervollkommnung dürstenden Seele — nur erwuchs ihr das Judentum in ihrer Vollkraft und Stärke, während das Christentum in einer Phase der Ermüdung, der Depression konzipiert wurde. Der schwere und entsagungsreiche Weg des Judentums erweckte in mancher ermüdeten Seele das Verlangen nach greifbarem nahen Trost anstatt einer fernen Hoffnung. Schon dieses Trostbedürfnis ist die sichtbare Ermüdungsform gegenüber der unbeirrbar weiterwandernden, nur durch innigen Hoffnungsglauben genährten jüdischen Sehnsucht. Dieses Trostbedürfnis allein determiniert schon den Willen zum Unbegrenzten. Es ist dem Gefühl dessen zu vergleichen, der auf hohem Gipfel die Augen schliessen muß, um nicht vor dem Anblick des gewaltigen Abgrundes zu schwanken. Es ist ein Schwindelgefühl der Seele vor der Unendlichkeit des Gedankens. Das Judentum trotzt hocherhobenen Hauptes den Schauern der einsamen Weite. Das Christentum gibt den Hoffnungsmüden Trost. Es gibt den von der Unerreichbarkeit des Zieles Entmutigten Befriedigung, indem es sie Verkörpertes schauen läßt. Es gibt ihrem Schwindelgefühl Halt, indem es das Unbegrenzte begrenzte. Es zeigte ihnen das Ideal des Messias verkörpert — und dadurch wurde es begrenzt. Es zeigte ihnen den Sündenlosen, der die Schuld des Sünders auf sich nahm — und dadurch wurde das Ideal der Gerechtigkeit begrenzt. Dies muß der noch unermüdeten Sehnsuchtskraft des Judentums als ein Kompromiß, als ein Zeichen der Schwäche, ja, als Untreue gegen das Ideal erscheinen. Die Sehnsucht schien mißverstanden, eingelullt, verraten zu sein. So mußte diese Erscheinung bekämpft werden. Schon die Verkörperung des Ideals an sich verletzt einen elementaren Instinkt des Juden. Jene mystisch tiefe, ehrfürchtige Scheu vor der Verkörperung des Ideals, die an sich schon Erniedrigung bedeutet, spricht sich am ergreifendsten in dem Verbot des Aussprechens des göttlichen Namens aus, und in dem der bildlichen Darstellung. Jedes Bannen des unendlichen Gedankens in eine endliche Form — sei es des Wortes oder des Bildes — ist eine Determinierung, eine Ablenkung der Unendlichkeit auf einen endlichen Punkt. Es ist die schmerzliche Erkenntnis, die zugleich tiefste Tragik aller Kunst ist: Jedes Ausgesprochene und jedes Geformte verkleinert und entstellt den Geist, das Unendliche; — ein extremster Ausdruck des Willens zum Absoluten. Darum also, aus ihrem heiligsten Antrieb, konnte die unermüdete jüdische Volksseele Christus nicht als Messias anerkennen: Da er verkörpert