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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 5 · p. 271

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 5
Article
Der Messiasgedanke
Date
1921-01-01
Page
271 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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David Koigen: Im Wirbel der Geschichte 271 keit gibt das Christentum den Trost: Es bedarf nicht mehr des aufreibenden, täglichen Kampfes. Nur Glauben ist nötig an den Einen, Reinen, den Erlöser, der kämpft für den Sünder, der gibt ihm Frieden. Es ist nicht etwa Mangel an Gläubigkeit, wie man ihn dem Judentum vorwirft, sondern im Gegenteil ein Plus daran, daß es sich dem Jesusglauben verschloß. Der Jude kann sich nicht mit einer irdischen Verkörperung zufriedengeben, denn das hieße an der Vollkommenheit des Ideals, an der Gottyollkommenheit zweifeln. So paradox es klingen mag — dies niemals Ruhen, niemals Zufriedensein setzt einen Glauben an Vollkommenheit voraus, die der mit Relativem sich Bescheidende verloren hat. Dieser Optimismus unterscheidet das Judentum vielleicht zu allertiefst vom Christentum. Wenn das große religiöse Bedürfnis unserer Zeit sich zu Christentum und Buddhismus hingezogen fühlt, so darf man weniger auf eine Vertiefung wahren religiösen Gefühls schließen, als auf eine furchtbare Ermattung der Seelen- und Lebenskräfte. Das Unglück des Weltkriegs hat Weltmüdigkeit, Augenschließen vor der Wirklichkeit, dumpfe Mutlosigkeit in den Herzen erzeugt. Nun flüchten sie zur Religion wie ein Kind, das vor Angst in den Arm der Mutter flüchtet. Sie soll ihnen ein Asyl vor dem Leben draußen geben. Die Religion ist nicht, wie im Judentum, mitten im Leben, sondern draußen — ist nicht Aufgabe, sondern Trost. Das Judentum flüchtet nicht, sondern gerade im Kampf, mitten in Glück und Not, im Irren und im Suchen, da geht es seinen Gottesweg. In der Tat, im Ringen liegt er. Das Judentum sagt: Nicht die Ermüdung ist das Dauernde, sondern die Kraft, nicht die Erschlaffung, sondern die Gesundheit. Darum kann und muß es den Trost der Begrenzung das Ausweichen vor dem Kampfe verschmähen. Nicht der Messias bringt die Reinheit in die Welt, sondern die Menschen sollen sie damit erfüllen. Aber der Mensch kann nur für Augenblicke, in Momenten höchster seelischer Inbrunst, diese Reinheit herstellen. Das Wunder wird sein, daß die Ekstase dauern, die Ruhe ewig sein wird. Gerade diese Fassung berührt die erhabenste Tiefe menschlichen Leids. Nicht, daß wir Reinheit nicht erlangen können, wie es das Christentum meint, ist der Schmerz — nein, daß wir nicht imstande sind, sie dauern zu lassen, das ist die große und einzige und wahrhaft abgründige Tragik. Sie zu lösen ist des Judentums Messiashoffnung.

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