Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Messiasgedanke
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 268 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Elfride Bergol-Gronemann: ELFRIDE BERGEL-GR ONEMANN / DER MESSIÄSGEDÄNKE Es wurde in einem früheren Aufsatz*) versucht, die Problematik jüdischer Wesensart auf ihre Grundstruktur, ihre Urtriebe zurückzuführen und alle Manifestationen der jüdischen Seele — von der Erhabenheit ihrer Lehre bis zu den vielfältigen Formen ihres Alltagslebens — von ihr abzuleiten und durch sie zu deuten. Als dieser Urgrund ergab sich die unstillbare Sehnsucht zum Absoluten, das Streben nach Unbedingtheit, nach Vollendung, das inden Bibelworten „Du sollst erkennen" und „Du sollst dich heiligen" seine vollkommenste Formulierung findet Diese beiden Forderungen ergeben die seltsame Kontrastmischung von hohem Ethos und zugespitztester Geistigkeit, abstrakter Spekulation und hellsichtigem Wirklichkeitssinn — die charakteristische Atmosphäre jüdischer Mentalität — Dieser Urtrieb nun, eben durch seine Weite, schließt alle erdenklichen Arten des Seins in sich ein — die innige Hingabe an Gott, die Tiefe voraussetzungsloser Forschung, umfassendste Menschenliebe, Demut und Stolz, Mitleiden und frohes Weltgefühl. Eins nur ist dem innersten Wesen des Judentums fremd, muß ihm stets fremd, ja feindlich bleiben; die" Begrenzung, der Kompromiß, die Einengung seines Unendlichkeitstriebes. Hier liegt die „Unbeugsamkeit" und „Starrheit" des Alten Testaments — so mag es den Ermüdeten, den von der Endlosigkeit des Weges Ermatteten erscheinen. Denn dieser Weg des Juden verlangt nie verzagende, sich immer wieder erneuernde Kraft der Seele und des Körpers. So mag man ihn wohl hart und grausam nennen, diesen gottverliehenen Trieb, der immer wieder vom satten Behagen in die Wüstenwanderung hin zum Einen, zum Wahren, zum Absoluten reißt, zu jener unsagbar leidvollen und unsagbar köstlichen Wanderung des Gottsuchers. Auf diesem seinem Schicksalwege hat das Judentum unzählige Male mit der natürlichen Erschlaffung menschlicher Spannkraft zu kämpfen gehabt. Die „Fleischtöpfe Aegyptens" sind das eindringliche Symbol dafür. Solange nur der Körper, nicht die Seele ermüdet war, waren diese Hemmungen relativ leicht zu überwinden. Eine furchtbare Krisis aber mußte eintreten, als der Kern, der Seelenantrieb selbst Zeichen der Ermüdung zeigte. Das mußte die Schicksalsstunde werden, in der es um Sein oder Nichtsein des Judentums ging. Diese Schicksalsstunde brach an mit der Entstehung des Christentums. Die Ablehnung des Christentums durch das Judentum ist die folgenschwerste Entscheidung, die im Laufe der Jahrtausende gefällt worden ist. Und nun entsteht immer wieder die ernsteste aller Fragen: Ist der beispiellose Leidensweg des jüdischen Volkes, insoweit er durch den Gegensatz zum Christentum bestimmt wurde, das erschütternd treue Festhalten an einer großen Idee, ein erhabenes Martyrium, oder ist es nichts anders als halsstarriges Nichtlernenwollen, als das Sichverschliessen vor der Erleuchtung? *) Der Jude 1920. Heft 7.