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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 263

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Der Stern der Erlösung
Date
1921-01-01
Page
263 (sequence 5)
Language
German
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Umschau: Philosophie v 263 wahrhaftes Leben werden. Der bloße Glaube also genügt nicht — nur „wer Gott mit dem doppelten Gebet des Gläubigen und des Ungläubigen anruft, dem wird er sich nicht versagen". In der Geschichte also, in der allein die Erlösung geschieht, wird sie sichtbar als das Hereinkommen des Ewigen in die Zeit, die sie aus dem amorphen Strom ihres bloßen Fließens wandelt zur sinnvollen, ewigkeitberührten Gestalt der Stunde. Denn die Stunde gehört nicht mehr in die Welt der Schöpfung; „erst im Reich der Erlösung beginnen Glocken sie zu schlagen". Und so ist alle Erlösung, wie wir sie aus der Geschichte kennen, eine Erlösung von der Zeit zur Zeitgestalt; Erlösung zu Stunde und Tag, Woche und Jahr, in denen das Leben der Zeit der Ewigkeit, dem Reich entgegenreift. Darum stellt sich die Erlösung dar im Ring des geistlichen Jahres, wie es aus dem Offenbarungswunder heraus sich gestaltet. Das Judentum als der Träger des ewigen Lebens geht voraus. In ihm ist die Ewigkeit bereits eingekehrt in das unmittelbare Leben selbst, in den Kern des ursprünglichen Daseins glühend gebannt. Der Jude wird als Jude geboren. Durch seine Geburt gehört er dem heiligen Volke an, hat er durch diese Zugehörigkeit Teil an der Ewigkeit, der Erlösung. Denn „es gibt nur eine Gemeinschaft . . ., die das „Wir" ihrer Einheit nicht aussprechen kann, ohne dabei in ihrem Innern das ergänzende „sind ewig" mit zu vernehmen". Alle anderen Völker sind sterblich dadurch, daß sie an ein bestimmtes Land, an eine irdische Heimat gebannt sind, um die das Blut ihrer Söhne fließt.. „Wir allein vertrauten dem Blut und ließen das Land . . . und lösten allein aus allen Völkern der Erde unser Lebendiges aus jeder Gemeinschaft mit dem Toten". Das Land ist dem Juden „im tiefsten Sinn eigen eben nur als das Land seiner Sehnsucht, als — heiliges Land". Die Blutsgemeinschaft also allein macht den Juden zum Juden, während jeder Christ als der irdischen Heimat Verhafteter von Geburt Heide ist und zum Christentum erst durch eine innere Umkehr gelangt; durch die Umkehr, die unter dem Zeichen des Kreuzes steht. So hat das Judentum das Heidentum außerhalb seiner, das der Christ in sich trägt und durch die Geschichte hindurch erst in sich überwinden muß und nie völlig überwinden kann. Darum lebt der Christ immer in der Zeit und in der Welt, während dem Juden der Anteil am zeitlichen Leben der Mitwelt versagt ist um des ewigen Lebenswillen, das sein Teil ist. Land, Sprache, Sitte und Gesetz, in deren lebendiger Entwicklung die christlichen Völker leben, sind für den Juden längst aus dem Kreise des Lebendigen geschieden. Er hat keinen Anteil an jenen Formen, die das Gestaltungsmittel des Christentums ins Leben sind: an Kirche und Staat. Denn während im Juden das Ewige schon dadurch allein lebt, daß er fortgezeugt wird, ist der Christ immer auf dem Weg. Das Christentum lebt nicht fort durch die Zeugung, sondern durch seine immer weitere Ausbreitung im Kreise des geschichtlichen Lebens: durch die Mission. Beide, Judentum und Christentum haben die Ewigkeit herabgezogen in die Zeit durch die große Gliederung des gesamten Lebens nach dem ewigen Sinn, der in ihnen wohnt: das Judentum in der Form der alles durchdringenden unsterblichen Dauer seines Lebens — das Christentum in der Form der Gleichzeitigkeit, die das Prinzip der Raum und Zeit und alle menschlichen Unterschiede überflügelnden Brüderlichkeit ist. Beide haben nicht die ganze Wahrheit, sondern jedes hat seinen Teil an ihr, und durch diesen gliedert jedes nach seiner Weise, die Ewigkeit zu erleben, die gleichmäßig hinfließende Zeit im geistlichen Jahr. Und das Jahr selbst schließt sich so zum Abbild des Ringes der Erlösung. . Getrennt also, unter verschiedenen Zeichen, in verschiedenen Erlösungsringen treten Jude und Christ, die Träger der Offenbarung, unter das göttliche Antlitz. Keines ist für sich das Ganze. Ein letztes Individuelles im Verhältnis zum Ewigen bleibt bestehen. Kein noch so reifes menschliches Gebilde ist selbst die Wahrheit. Gott allein ist die Wahrheit. In dieser jubelnden Gewißheit klingt das Buch aus: Gott ist die Wahrheit — nicht die Wahrheit ist Gott, aber Gott ist. die Wahrheit. Wir aber — und so löst sich die Subjektivität der einzelnen Standpunkte — wir sind die, die ewig nur Teil haben an der Wahrheit. Nicht als Ganzes, das sie ist und werden soll, nur als Teil wird sie uns zuteil. Und unsere Aufgabe ist es, diesen Anteil an ihr zu bewähren: Wahrlich zu sagen zur Wahrheit. Und so allein auch geschieht die Ueberwindung des Todes: durch das Bekenntnis des einzelnen, bestimmten und vergänglichen, weil immer an ein Stück individualisierter todgeweihter Wirklichkeit gebundenen Standpunkterkennens eines Selbst zu seinem Anteil an der übergreifenden göttlichen Wahrheit. Im Verlassen der sterbenden Individualität durch dieses Bekenntnis zum Ewigen ist der Tod überwunden; denn nur das Individuum stirbt. Indem wir hintreten vor das Antlitz der alles überstrahlenden göttlichen Wahrheit, ein jeder an seinem Ort und zu seiner Zeit, und unser Wahrlich sprechen zu dem Anteil an ihr, den sie uns schenkt, hintreten vor Gott in der Gemeinschaft der Lebendigen, haben wir Tod und Vereinzelung überwunden. Und so liegt die Wahrheit nicht am Anfang, nicht in unserem Haben, sie liegt am Ende, in unserem Bewähren. Das Letzte, was gefordert wird, ist Vertrauen. Aber

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