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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 262

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Der Stern der Erlösung
Date
1921-01-01
Page
262 (sequence 4)
Language
German
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262 Umschau: Philosophie die Theologie aber der Philosophie die große objektive Wahrheit, deren sie ermangelte und die nun von der Philosophie selbst begründet wird. Denn die Brücke „von taubblinder Selbsthaftigkeit zur lichtesten Objektivität der Vernunft" schlägt allein der Offenbarungsbegriff der Theologie. Jeder Philosoph also soll von nun an Theologe, d. h. gläubig, und jeder Theolog Philosoph d. h. Erkennender sein; sie sollen sich vereinen, um die Deutung des Seins, die allein wahre, lebendige und ganze zu leisten. Und wie in ihrer Vereinigung die Subjektivität der Standpunktsphilosophie überwunden ist, so ist in der Gewißheit, die sie geben, auch die Vereinzelung der Elemente des Alls überwunden — denn nun gehen sie ein, sind sie eingegangen in den großen Strom des geschichtlichen Heilsprozesses, sind sie verbunden zum All in einem Welttag des Herrn. Damit ist zugleich ihre Bahn eindeutig bestimmt. An dem dunklen Himmel der Ewigkeit strahlt die Lichtbahn auf, die der Stern der Erlösung beschreibt, die er selber ist. In strenger Dreigestalt, in der Gestalt des doppeldreieckigen Sterns baut sich aus der aus ihrem innersten Wesen hervorbrechenden Bewegung der Ur-Elemente auf einander zu das neue All vor uns auf — eine gewaltige Deutung des Weltsinns, Seelensinns, Gottsinns in ihrer lebendigen Beziehung: Schöpfung, Offenbarung, Erlösung. Dies sind die drei großen ewigen Bahnen, an deren Endpunkten sich Gott, Welt, Mensch lebendig berühren. Wie der Schöpfungsbegriff allein das leisten kann, woran der bloße Weltbegriff des Idealismus zuschanden werden mußte: das Phänomen des immer erneuerten Lebens, der lebendig strömenden Gestaltfülle, des geistigen Bestandes des völlig außergeistigen, völlig undenkbaren Seins zu deuten und zugleich damit das Wesen Gottes, das über dem Dunkel der immerwährenden Vorwelt als allzeit erneuernder Schöpferwille aufgeht und sie zur blühenden Lichtwelt der gestalteten Schöpfung entfaltet, so kann die Offenbarung allein erschließen, wie der Mensch zur Welt kommt, wie er aus dem taubblinden Selbst befreit wird zur gottgeliebten Seele, die die Liebe, die sie empfing, wieder in die Schöpfung und damit die Schöpfung zu Gott zurückträgt. Erst befreit durch Gottes Liebe vermag sie sich auf die letzte der drei großen Bahnen zu begeben, die vom Menschen über die Schöpfung wieder zu Gott zurückführt. In des Menschen Hand also ist die Erlösung gelegt Wie die Welt sich vollendet in der Schöpfung, so vollendet sich der Mensch, das Selbst, im Heiligen, im Knecht Gottes. Das letzte Wort der Erlösung aber spricht doch Gott. Denn was kommen soll, ist das Reich: die Erlösung, die Selbstvollendung Gottes. „Gott wird erst in der Erlösung das, was der Leichtsinn menschlichen Denkens von je überall gesucht, überall behauptet und doch nirgends gefunden hat, weil es eben noch nirgends zu finden war, denn es war noch nicht: All und Eines." Hier also erst wird das All, das eine All sichtbar — aber nur sichtbar wird es; es ist noch nicht gefunden; es soll erst werden. Denn nicht das denkbare All ist es ja, sondern das uns als volle Wirklichkeit aufgegebene, das durch unsere aus Gott stammende erlösende Liebe lebendig zu erfüllende. Der Vermessenheit des menschlichen Denkens ist das Unerreichbare gegenübergestellt als ewig unauflösliche lebendige Gestalt. Die Gestalt wird nicht gedacht, nicht gerufen: sie offenbart sich. Und so sinken denn auch alle anderen Religionen hier neben der lebendigen Offenbarung zu Ekenntnisreligionen herab; und höher werden die heidnisch-mythologischen Religionen gestellt, die bereits lebendige Gestalten kannten, als die tiefsinnig mystisch gestaltlose Erkenntnisreligion des großen Buddha. Gestalt und Leben — diese beiden brennen im Herzen des Erlösungsbuches, und verworfen wird der Mystiker, weil er das Ich auf seinem Wege zur Gestalt aufhält. Alle Erlösung ist hier Gestaltwerdung. Indem unsere freie Liebestat über die lebendig wachsende Schöpfungswelt kommt, formt sie bloßes blindes Sein zur lebendigen Ueberwelt der Gestalt, reift sie das wachsende Leben dem Reich-Gottes entgegen. Nicht wie der Künstler, der immer nur Bilder des Lebens formt, sondern als lebendige Seele wirkliches Leben seinem innersten Sinn und damit der'Erlösung entgegenbildend. Und das Leben der Schöpfung kommt unserer Liebe entgegen, wendet sich der Erlösung zu. Raum und Zeit der Erlösung sind von ihm her bestimmt, von der Fchöpfung, in der sie heimisch sind. Innerhalb des geschichtlichen Prozesses ist damit der Augenblick eindeutig, unverrückbar festgelegt. Jede Zeit hat ihre besondere Form der Erlösung. Und an den großen weltgeschichtlichen Erlösungsformen wird denn auch hier der jeweilige Stand der Weltuhr aufgezeigt. Sö muß auch für uns der ganze Erkenntnis- und Erlebnisstand unserer Epoche lebendig durchmessen sein, wenn es gilt, unsere heutige Wahrheit zu erkennen — zu bekennen. Erst aus jenem Uebermaß der Verlebendigung und Bejahung alles Lebens und des eigenen Schicksals in all seinen Höhen und Tiefen, erst aus jenem durch und durch lebendigen Verhältnis zum Wirklichen, wie es allein in Goethe gelang und nur in jenem Augenblick gelingen konnte — erst aus jener übermenschlichen Einsamkeit der späteren Geister, jenem riesenhaften Emporschwellen des Individualismus und Relativismus konnte der gewaltige Wille zur einen Wahrheit hervorbrechen, der allein in Gott Wieder Ruhe finden kann. Erst uns konnte jenes „donec requiescat in te" wieder

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