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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Der Stern der Erlösung
Date
1921-01-01
Page
261 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Philosophie 26l Schweigen des vorbewußten Lebens, stehen sie für sich einsam ragend da: der metaphysische Gott, die metalögische Welt, der metaethische Mensch, Unverbunden, ohne jede Beziehung zu einander sind sie rein in ihrem Wesen, aus ihrem innersten glühenden Kern entwickelt, reine Setzungen des schauenden Geistes. Jedes setzt sich monistisch als das Ganze. »Wir haben die Teile in der Hand, wir haben wahrhaftig das All zerschlagen." Was soll geschehen, daß sie nicht Teile bleiben, nicht bloße auseinanderfallende Lebenselemente? Wie sollen die einander entfremdeten Elemente sich wieder verbinden und Wirklichkeit werden, die Wirklichkeit, als die wir sie kennen — wahrhaftiges seiendes All? Vielerlei Wege gäbe es, die sie einschlagen könnten, um zu einander zu kommen, wie es vielerlei Deutungen von Gott, Welt, Mensch und ihrem Verhältnis zu einander gegeben hat — und doch: in diesem orgiastischen Durcheinander des Möglichen, dieser wahren Walpurgisnacht durch einander wirbelnder Gestaltungen kann nur eine die wahre, die wirkliche sein. Nur die aus ihnen selbst, aus dem innersten Wesen jedes einzelnen stammende Bewegung auf einander zu kann die Elemente zu jenem sinnvollen Zusammenhang verbinden, der unsere Wirklichkeit ausmacht. Welches ist dieser eine Weg, der allein ihrem innersten Wesen entspricht und aus ihm heraus die elementare innere Zerstückelung des Wirklichen überwindet? An der Antwort, die hier gegeben wird, enthüllt sich erst die ganze Tiefe des Abgrunds, der diese Philosophie von der bisherigen Erkenntnisweise trennt. Kein Denken kann diese ewig gültige Verbindung leisten; nur die Wirklichkeit selbst hat sie geleistet und leistet sie immer wieder. Aus der Nacht des vorbewußten Seins, in der wir die Elemente jedes für sich fanden, aus dem Reich der Mütter, das das ihre ist, trägt uns nur der eine Strom wieder empor, in dem wir die Elemente in ihrer einzig und ewig gültigen Verbindung im vollen Licht des Tages finden: die Geschichte. Aber die Geschichte nun nicht in ihrer bloßen vorliegenden Tatsächlichkeit — sondern die Geschichte als bestimmter sinnvoller Zusammenhang, als einmalige Entwicklung, als „der eine Strom der Weltzeit, der . . . von Weltmorgen über Weltmittag zu Weltabend die ins Dunkel des Etwas auseinandergestürzten Elemente des All wieder zusammenführt in dem einen Welttag des Herrn." In dem einen Welttag des Herrn — hier ist eine Sprache, die nicht mehr die der Philosophie ist. Und hier, zugleich mit der Frage nach dem Zuelnanderkommen der vor dem Anhauch der vollen Lebenswirklichkeit auseinandergestürzten Elemente des All, wird auch jene erste Frage wieder laut: Wie kann bei der in zahllose subjektive Anschauungen auseinandergestürzten Philosophie Wahrheit möglich sein? Wird nicht, was den objektiven Systemen des Idealismus an Wirklichkeit, an Fülle des Lebens für ihre Lösung abging, durch ihre größere Objektivität der Wahrheitserkenntnis aufgewogen? Muß nicht bei dieser Subjektivität der Standpunkte an Stelle jenes Mangelsein noch größerer treten: - der des Verzichts auf jede Möglichkeit objektiver Wahrheit überhaupt? Rosenzweig sieht die ganze Größe der Gefahr. Aber indem er sie sieht, hat er schon den Weg zu ihrer Überwindung gefunden; denn es ist kein anderer als der, der auch die starren auseinandergefallenen Elemente wieder zurückführt in die lebendige Wirklichkeit. Derselbe Weg führt zur Wirklichkeit wie zur Wahrheit. Wohl wird die hier genommene Wendung selbst bei' dieser völligen Umdenkung noch befremdlich und überraschend erscheinen — und doch nur dem, der nicht die tief erlebte Übermacht der lebendigen Gestalt für die Erfassung des Sinnes über die Macht des reinen Denkens nacherlebt. Zugleich mit jenem Abgrund, än den die vollendete Philosophie des Wissens geführt hatte, Öffnete sich ein anderer Abgrund, wurde noch ein anderes Versagen deutlich: das der Theologie. Auch sie war am Rand ihres Weges angekommen. Wie die Philosophie von nun an auseinander zu fallen drohte in einzelne unter einander unverbundene Standpunkte, wie sie dadurch endgültig auf objektive Wahrheit zu verzichten gezwungen schien, so drohte auch der Theologie, indem sie sich ihrer festesten bisherigen Stütze: die Offenbarung als Wunder zu begreifen, beraubte und an Stelle der einmalig feststehenden Wahrheit immer ausschließlicher das bloße Erlebnis setzte, das Fundament der Wahrheit unter den Füssen fortzugleiten. Und Rosenzweig erkennt es nun als das alleinige Heilmittel der Philosophie wie der Theologie, daß sie einander zu Hülfe kommen, weil jede das besitzt, was der anderen fehlt. Denn Philosophie wie Theologie haben durchaus denselben Gehalt: das Leben von seinen untersten Gründen bis empor zur Erlösung — nur daß für die Theologie Offenbarung ist, was die Philosophie als bloße Vorbedingung der Offenbarung: als ihre erkenntnismäßige Grundlage zu erweisen hat. So wird die Philosophie, wie sie der Theologe versteht, geradezu zur Weissagung auf die Offenbarung, zum alten Testament der Theologie. Und indem sie ihr so die Begründung der Offenbarung liefert, genau das also, was die Theologie verloren hatte, wird sie zur neuen auetoritas der Theologie, gibt sie der Offenbarung dadurch, daß sie sie voraussagt und damit ihre Übergeschichtliche Wahrheit enthüllt, den Wundercharakter zurück, der ihr verloren war. So soll also die Philosophie der Theologie die subjektive Erkenntniskraft zuführen,

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