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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Der Stern der Erlösung
Date
1921-01-01
Page
260 (sequence 2)
Language
German
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260 Umschau: Philosophie des Erkennens. Jeder Denker, jedes bewußte Individuum trägt von nun: an seinen Raum, seine Zeit und seine Wahrheit mit sich herum. Aber wie sich erst am voll erlebten einsamen wirklichen Tod die volle brennende - Sehnsucht nach seiner Überwindung entzündet — anders als sie die Philosophie des reinen Denkens jemals kennen konnte — so entzündet sich erst an diesem äußersten vollendeten Relativismus, dieser maßlos vereinsamenden Subjektivität des Erkennens die volle, die innerste Sehnsucht nach ihrer Überwindung in einer realen gemeinsamen Wahrheit, die zugleich eine erlebte und gelebte Gemeinschaft des Daseins ist, in der sich alle die getrennten Iche finden und erlösen. Aus diesem Willen, dieser Sehnsucht des heutigen Zeitpunkts ist das Buch Franz Rosenzweigs*) geboren — aus dem Willen, Leben und Tod in ihrer lebendigen konkreten Vielheit, wie sie erst aus der nachhegelschen Philosophie herauftaucht, zu erfassen und sie in dieser ihrer wahren Gestalt durch eine übergreifende allgemeine Wahrheit zu Überwinden. Aus diesem Willen zur Erfassung des vollen Lebens in seiner ganzen Breite, Höhe und Tiefe sagt es dem eindimensionalen Ideallsmus aller Zeiten, diesem Todfeind aller lebendigen Ganzheit, Kampf an bis aufs Blut; aus dieser Sehnsucht wirft es sich allen Mächten des Lebens als den unmittelbar offenbarenden in die Arme. Und aus der Sehnsucht nach Erlösung in einer allgemeinen Wahrheit verrückt es seiner Forderung gemäß die gesamten Grundlagen, drängt es zu einer völlig veränderten Form des Erkennens: zu einem Erkennen aus den Offenbarungen des Lebens selbst. So brausen Leben und Wahrheit ihm in einem großen Akkord zusammen; nicht" die Wahrheit des Denkens gilt es ja zu ergreifen — sondern das Antlitz der lebendigen Wahrheit soll aus Leben und Tod entschleiert werden und beide durch seinen ewigen Glanz überwinden. Nur so kann man dies Buch wahrhaft verstehen : als den Willen, zu den Müttern hinabzusteigen und dort unmittelbares Leben zu schöpfen für die noch ungestalteten Elemente des Seins, als den Willen, im vollen brennenden Licht des Tages die Umrisse aller lebendigen Dinge klar zu schauen und auszusprechen, als den Willen zuletzt, zu den Sternen emporzusteigen und das Ewige an seinem Ort wieder rein zu enthüllen — und so allem Tiefsten und Höchsten des Lebens unter dem Menschen und Über dem Menschen seinen unverrückbaren Ort zu weisen, — so daß in seiner klar geschauten Ordnung unmittelbar, sein ewiger Sinn und damit die Erlösung durch die Wahrheit sebst sichtbar wird. Nicht das eine denkbare All umgibt uns *) Der Stern der Erlösung. J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. 1921. als unmittelbares: diese Gewißheit geht voraus. Bevor wir erkennen und denken, finden wir in uns und um uns Wirklichkeiten. Darum ist nicht jenes eine All die Voraussetzung unserer Erkenntnis — sondern diese Wirklichkeiten sind es. Und so wenig die Voraussetzung des Denkens das eine All ist, so wenig ist die Voraussetzungslosigkeit des Denkens wie in aller idealistischen Philosophie das bloße Nichts; sondern zahllose verschiedene, gesonderte „Nichtse", jedem Problem das ihm eigene Nichts, liegen unserem Erkennen voran. Jede besondere Erkenntnis hebt an von dem Nichts der noch ungedachten Wirklichkeit, die ihr zu Grunde liegt, die ihr vorausliegt als dunkles, ringendes Lebenwollen der Erkenntnis. Das Nichts ist erfaßt als der brt, wo dies besondere Problem aufdämmert; als „der virtuelle Ort für den Anfang unseres Wissens". Denn alles und jedes ist ja für die Erkenntnis anders geworden mit dem Augenblick, wo das eine denkbare All nicht mehr das allumschließende Ganze ist: nicht nur in viele einzelne Subjekte des Erkennens ist das All zerschlagen: das Subjekt des Denkenden, das. sich den Abzug aus der Denkbarkeit ertrotzt hat, findet auch mit Notwendigkeit sich gegenüber eine andere Welt als die denkbare, die bisher den Denker mit umschloß; und mit seinem Abzug selbst ist aus dem All zugleich das entwichen, was bisher als äußerster Einheitspunkt von Subjekt und Objekt, von Innerlichkeit und Welt das eine All zusammenschloß: Gott. So findet sich der Denker statt jenem einen denkbaren All einer Dreiheit selbständiger Wirklichkeiten gegenüber, in die das eine All zerfallen ist, deren jede ihm als ein vollkommen undenkbares, in sich geschlossenes und verschlossenes Ganze gegenübersteht, der Dreiheit: Gott, Welt, Mensch. Keine dieser drei Wirklichkeiten ist bisher erkannt, ja auch nur in diesem Aufsichselbstgestelltsein, dieser Innersten, jeder gemeinsamen Voraussetzung spottenden Isolierung gesehen worden. Jede dieser drei muß zunächst aufgesucht werden in dem ihr eigenen „Nichts", muß aus dem Dunkel des vor aller Erkenntnis Hegenden Lebens heraufgeholt werden insLicht des Erkennbaren, Aussprechbaren. Denn dies ist eines und dasselbe : das Wort, die Sprache, ist auch die Offenbarung. Daß die stummen, vor aller Sprache liegenden Urworte laut werden, ist dasselbe, wie daß die Wirklichkeiten Sichtbarwerden. Und aus der schwelgenden Nacht ihres Nichts steigen die drei letzten großen Urwesen langsam herauf. Iß einer tiefen wundersamen Wesensschau wickeln sie sich klar und klarer aus dem Geheimnis ihres Nichts los, wird das gesuchte „Immerwährende, das nicht erst des Denkens bedarf, um zu sein", vor uns enthüllt. Noch richtungslos, noch stumm, noch ganz in sich verschlossen, erheben sie sich aus dem

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