Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Stern der Erlösung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 259 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UMSCHAU PHILOSOPHIE Der Stern der Erlösung Denn "Name ist nicht Schall und Rauch sondern Wort und Feuer. Den Namen gilt es zu nennen und zu bekennen: Ich glaub' ihn. Franz Rosenzweig. An einer großen Zeitwende steht dies Buch und ist es sich bewußt zu stehen: an der Zeitwende des Zerfalls, der Auflösung der Philosophie des reinen Denkens, wie sie von Parmenides bis Hegel die abendländische Welt beherrscht hat. Denn in diesem Augenblick, wo Leben und Tod mit ihren letzten entscheidenden Fragen ins Zentrum des Bewußtseins treten, zeigt es sich, daß die Kraft zur Lösung des Lebens und zur Erlösung vom Tode in der Philosophie des reinen Denkens nicht zu finden ist. In Hegels System, in dem die Philosophie auf ihrem Höhepunkt angelangt war: der alles und' Gott selbst einschließenden Ein- und Allheit des Wissens, fand sie sich zugleich am Ende. „Soll von diesem Gipfel noch ein Schritt weiter geschehen, ohne zum zum Sturz in den Abgrund zu führen, so müssen die Grundlagen verrückt werden, es muß ein neuer Begriff von Philosophie aufkommen.** Und er kam auf. Mit dem Augenblick, wo zum ersten Mal ein Denker das Problem seiner eigenen Person, seines persönlichen Selbst ins Zentrum des Begreifens rückte, war etwas Unbegriffenes, Unbegreifbares, Undenkbares außerhalb des Denkbaren sichtbar geworden. Mit dem Augenblick, wo Schopenhauer zum ersten Mal die Frage nach Wert oder Unwert des Lebens für den Menschen, für seine eigene Person stellte, statt nach dem Wesen der Welt, wie alle bisherigen Denker, wo dann mit Kierkegaard das tiefe Bewußtsein der eigenen Sünde und eigenen Erlösung herauftauchte, das weit abseits vom Wesen der Welt, seine persönliche Lösung suchte, wo zuletzt Nietzsche jenes von nun an nicht mehr auszulöschende „furchtbare und fordernde Bild des bedingungslosen Gefolgschaftsverhältnisses der Seele zum Geist" selbst darstellte — mit diesem weltgeschichtlichen Augenblick, wo im Mittelpunkt des Lebens und Denkens die in sich selbst zentrierte, aus eigener Verantwortung lebende, für sich allein sterbend, evöllig einsame, außerweltliche menschliche Individualität sichtbar geworden war, war der Kreis des alles umfassenden Einen denkbaren All gesprengt. „Eine einge- . schlossene Einheit hatte gemeutert und sich den Abzug ertrotzt." Und erst von jetzt an mit dem Eintritt dieses Unfaßbaren, Undenkbaren in den innersten menschlichen Problemkreis waren plötzlich Leben und Tod in ihrer vollen erschütternden Realität da und verlangten ihre Lösung. Das Leben in seiner ganzen einsam in den Abgrund des Selbst verwurzelten Tiefe, der Tod in seiner ganzen schauerlichen Tatsächlichkeit: nicht als der Tod überhaupt, als den ihn die bisherige Philosophie allein gekannt hatte, sondern als die < zahllosen Tode unzähliger einsamer für sich sterbender Individuen. Dieses konkrete, in seiner Vielheit grenzenlos vereinsamte Leben gilt es von nun an zu umfassen — den wirklichen und wahrhaftigen Tod des Individuums gilt es zu überwinden. Denn ihn, der von jeher das tief beängstigende, aller Philosophie zutreibende Rätsel gewesen war, hatte dennoch keine der bisherigen Philosophien jemals überwinden können, eben weil jede ihn nur als den einen abstrakten Tod begriff, den sie in ihrem einen seienden All auslöschte. „Denn freilich: ein All würde nicht sterben und im All stürbe nichts. Sterben kann nur das Einzelne, und alles Sterbliche ist einsam." Die eindimensionale Form des Systems, die nur unter der Voraussetzung einer objektiven Welt und eines einen und allgemeinen Denkens die wissenschaftliche gewesen war, zerbrach so vor der Fülle des einströmenden individuellen Lebens. Aber die erste Folge jener Vielzahl sich selbst bewußtwerdender, einsamer, aus sich selbst lebender Denkerindividualitäten war eine ungeheure Gefahr für die Philosophie überhaupt: es gibt von nun an keine eine Philosophie mehr — sondern nur noch Phllosophieen, Weltanschauungen, in sich geschlossene Isolierte Standpunkte: einen vollendeten Relativismus also