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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 257

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 4
Article
Josef Popper-Lynkeus
Date
1921-01-01
Page
257 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen j Josef Popper-Lynkeus 357 bar und im Mißklang mit allerlei angelernten Doktrinen die stärkere Dominante seines Humanismus durchdrang. Darum stand er der Physik näher als der Mathematik und betrachtete sich unter den Physikkundigen als Theoretiker. Das erklärt auch sein nie verblaßtes Interesse für die Theorien der Luftschiffahrt (als erster schlug er an Stelle der Fesselballons eine rasch rotierende Ringmasse vor und forderte den Bau von Landungshäfen) und vor allem seine frühe Entdeckung der elektrischen Kraftübertragung, Und wiederum das Paradoxe! Durch die Idee sollten die Wunder der mechanischen Natur erkannt werden, aber die Wunder der Idee wollte er als Mechanismen entlarven. Das innere Gleichgewicht war nicht anders zu erhalten. Mitten in den technisch bewegtesten Jahren entstanden die „Phantasien eines Realisten*, die er 1899 unter dem Pseudonym des hellschauenden Argonauten Lynkeus herausgab. Es sind kleine Skizzen und Erzählungen, in denen allerlei berühmte und unberühmtt Menschen hinter ihrem geistigen Nimbus ertappt werden. Gern wählt er für seine Szenen orientalische Kulissen, weil sich seine Ironie in der Atmosphäre eines heiteren Ostens bewußter und moralisierender geben konnte* In keinem seiner Werke ist Popper dem Geist der Aufklärung so nahe gekommen wie hier. Voltaires Lächeln schwebt über dem Werk, dessen ungeschriebenes Motto das Ethos des großen Aufklärers ist: Nicht unvernünftige Mächte über uns Gewalt gewinnen lasen! Popper hat auch wirklich seine teuersten Gedanken über die Umformung der Gesellschaft dem Buche über Voltaire anvertraut und sie gleichsam in den historischen Schutz seines irdischen Heiligen gestellt Aber er wurde sich dessen selbst kaum bewußt, daß seine Liebe zum Irdischen eine ganz andere Nuance hatte als die Voltaires. Nur in der leisen Unzufriedenheit, daß er Voltaires Humanismus nicht völlig herausarbeiten konnte, (weil er sich mit ihm Identifi** iciie und ihn nicht bloß darstellte,) liegt - Ahnung einer abgrenzbären Wesensver- ^iedenheit. Ausführlich sind Poppers sozialpolitische -ihauungen In drei großen Arbeiten nieder« Gu programmatisch in dem mehrfach aufgelegten „Das Recht zu leben und die Püicht zu sterben*, ethisch begründet in dem Buch „Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen**, statistisch-wirtschaftlich begründet in der „allgemeinen Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage", Das Neuartige seines Vorschlages besteht darin, daß nicht die Gesellschaft und nicht irgendwelche kulturelle Mission der Ausgangspunkt seiner reformatorischen Ideen ist, sondern die U nan - tastbarkeit des Elnzellebens. Er billigt der Gesellschaft alle Rechte über das einzelne Individuum zu, mit Ausnahme des Rechtes über Leben und Tod. Er eifert gegen die beschönigende Anmaßung, daß Kunstzielen, wissenschaftlichen Erkenntnissen oder dem Gemeinschaftswohl das Leben irgendjemands als unterwürfiges Material geopfert werden dürfe. Vor der Größe des ^Menschenlebens ruft er sein dreimal Heilig aus. Hier schauen wir in die letzten heimatlichen Gründe des Popperschen Wesens. Es ist Überlieferung jüdischer Geschlechter, daß wer ein Menschenleben vernichtet, eine Welt vernichtet, wer ein Menschenleben, rettet Anteil, hat an der Erschaffung der Welt Vor der Gnade eines dankbaren Blickes, vor der Liebestat eines tröstlichen Wortes vergehen alle Kunstwerke und Wissensdinge der Geschichte. Dies, und nicht ein ästhetisches oder eüdaimonistisches Ideal ist der Kern des jüdischen Humanismus. Ihm hat Popper mit Strenge und Leidenschaftlichkeit alle seine schriftstellerischen und technischen Leistungen unterge- ✓ ordnet und so, weit mehr als in einer Schrift gegen Bismarcks Antisemitismus, für ein höheres, unkodifizierbares Judentum gezeugt Der Sinn der Gesellschaft ist es, das Leben des Einzelnen zu gewährleisten. Nun sind die Bedürfnisse eines jeden zweifacher Art: primäre, wie Essen, Trinken, sich Kleiden, Wohnen, und sekundäre, wie Ausbildung seiner Talente, geistige und luxuriöse Vergnügungen. So müßte auch die Struktur des sozialen Lebens diesen Dualismus widerspiegeln: staatliche Zwangswirtschaft für die Beschaffung und Verteilung der primären, freie Privatwirtschaft für die sekundären Bedürfnisse! Eine große Nährarmee hätte für die Minimum-Bedürfnisse der ganzen Bevölkerung zu sorgen und, würde übrigens auch eine Geldauszahlung an jeden Einzelnen

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